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Nordfrieslandlexikon
Wattenmeer

Wattenmeer (fer.: heef; frasch: heef; sölr.: Heef; wied.: hjif) Das Wattenmeer Nordfrieslands umfasst die küstennahen Gebiete der Nordsee mit Watt, Inseln und Halligen von Sylt bis Eiderstedt. Es bildet einen vielgestaltigen Naturraum aus sich permanent verändernden Schlick-, Sand- und Mischwattgebieten, Prielen, Buchten und Flussmündungen, Sand- und Miesmuschelbänken, Stränden, Seegras- und Salzwiesen.

Die Dynamik dieser weltweit einzigartigen Küstenlandschaft – nur einige kleine Abschnitte vor der koreanischen Küste sind damit vergleichbar – zeigt sich besonders eindrucksvoll in dem Jahrhunderte währenden Prozess der Gewinnung und des Verlustes von Kulturland. Zu Beginn unserer Zeitrechnung lag die Küstenlinie noch westlich der heutigen Außensände. Vor allem ab dem 11. Jahrhundert stieg der Meeresspiegel an, und das Wasser drang langsam in die Utlande vor. Damals begannen die Friesen, sich und ihr Kulturland systematisch durch Eindeichungen zu schützen. Die frühen Deiche zeigten sich jedoch den großen Sturmfluten noch nicht gewachsen. Das Wattenmeer wurde für ein erhebliches Siedlungsgebiet, darunter Rungholt und große Teile Alt-Nordstrands, zum „Friedhof der Marschen“.

Das Wattenmeer ist ein biologisch hochproduktiver Lebensraum, dessen Bedeutung weit über seine Grenzen hinausreicht. Flüsse sowie Flut und Wellengang bringen Nähr- und Schwebstoffe in das Watt, wo dieser Import von Bakterien, Algen und anderen Kleinorganismen in Biomasse umgesetzt wird. Vögel fliegen daran gesättigt zurück zum Land, Krebse und Fische setzen die Nahrungskette im offenen Meer fort. Zahlreiche Tier- und Pflanzenarten haben sich den hier herrschenden Bedingungen angepasst. Sie müssen in der Lage sein, die sich durch die Gezeiten ändernden Umweltbedingungen wie starke Temperatur- und Lichtschwankungen oder Austrocknung zu überleben. Andererseits finden sie im Wattenmeer eine enorme Nahrungsfülle. Im flachen Wasser reichern sich Schwebstoffe, insbesondere Plankton, an. Bei Niedrigwasser dringt besonders viel Licht auf den Meeresgrund und lässt eine üppige Weide aus Mikroalgen gedeihen. Meist im Wattboden verborgen, findet man Klein- und Kleinstlebewesen wie Schnecken, Würmer, Muscheln, Garnelen und Krebse, manche in sehr hoher Zahl und Dichte. Die etwa fünf Millimeter große Wattschnecke lebt in Kolonien mit bis zu 50 000 Tieren pro Quadratmeter Schlickwatt.

Das Wattenmeer ist das vogelreichste Gebiet Europas. Bis zu zwölf Millionen Wat- und Wasservögel rasten, brüten, mausern oder überwintern hier im Verlauf eines Jahres, allein in Schleswig-Holstein rund drei Millionen. Insgesamt verbringen erhebliche Bestände von rund 40 verschiedenen Vogelarten ihren Lebenszyklus ganz oder teilweise im Wattenmeer, ebenso zahlreiche Fischarten, Seehunde und Kegelrobben sowie einige Schweinswale.

1985 wurde das Schleswig-Holsteinische Wattenmeer in den Status eines Nationalparks erhoben, seit 2009 steht es auf der deutschen Liste des UNESCO-Weltnaturerbes.

Fiedler 1992, Landesamt 1992, Quedens 1992, Steensen 2001c, Umweltatlas 1998.