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Nordfrieslandlexikon
Wald

Wald (fer.: walt; frasch: hoolting; sölr.: Holting; wied.: huolting) Spätestens seit der Jungsteinzeit drängte der Mensch Waldflächen zugunsten landwirtschaftlicher Nutzung zurück. Einerseits wurde der Wald gerodet, um Äcker und Wiesen anzulegen, andererseits wurde er durch Haustiere beweidet, was zu einer Auflichtung des „Urwaldes“ führte. Noch im Hochmittelalter war Schleswig-Holstein zu erheblichen Teilen mit Wald bedeckt. Auf der Geest wuchs vor allem ein Eichenmischwald, in den Marschen dominierten Eschen-, Erlen- und Ulmen. Im Lauf der Jahrhunderte ging der Waldbestand durch menschliche Nutzung dramatisch zurück. Das Holz wurde in Nordfriesland besonders für den Bau von Deichen und Sielen benötigt. Der Holzmangel führte schließlich zur Verwendung von Backsteinen im Hausbau.

Bis auf einige Buchen- und Eichenwälder auf den lehmigen Böden zwischen Schwabstedt, Ostenfeld und Immenstedt sowie einzelnen Eichengestrüppen war die nordfriesische Landschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts nahezu baum- und strauchlos. Heiden bedeckten die trockenen und sandigen Böden der Geest und Moore die feuchten Niederungen. Es gab noch etwa 1.100 Hektar Wald. Einen großen Teil davon bekamen die Bauern der Gemeinden Immenstedt, Ohrstedt, Ostenfeld, Pobüll, Winnert und Wittbek im Rahmen der Verkoppelung zugeteilt. 1784 wurden sie mit der „Neuen Forst- und Jagdverordnung“ unter Schutz gestellt. Überbleibsel ehemaliger Waldbestände waren vermutlich auch die Kratte wie etwa in Bohmstedt, Drelsdorf, Högel, Horstedt, Joldelund, Kolkerheide, Löwenstedt, Norstedt, Schwesing und Wittbek. Viele wurden in Nadelwald umgebaut oder in landwirtschaftliche Flächen umgewandelt. Wegen der geringen Waldmenge musste Brennholz durch Torf oder Kuhdung ersetzt werden, für Bauzwecke wurde Holz nach Nordfriesland eingeführt.

Die Kalk- und Nährstoffarmut, die Dürre des Bodens und eine betonharte, nahezu wasserundurchlässige Ortsteinschicht verhinderten lange die Ansiedlung von Wald und Kulturpflanzen. Erst der Einsatz von Mergel in Verbindung mit dem Aufbrechen des Ortsteins durch die ersten Dampfpflüge und die Benutzung von Kunstdünger führte zu einer dauerhaften Verbesserung des Bodens, die auch eine Aufforstung der öden Heideflächen erlaubte. 1820 testete Jürgen Jens Lorensen (1759–1843) auf Sylt mit Erfolg die von seinen Reisen als Kapitän mitgebrachten Samen von Birken, Kiefern, Fichten, Weißtannen und Lärchen. Das Wäldchen zwischen Keitum und Wenningstedt nannte er selbst „Die Probe“. Bald folgte mit dem Friesenhain nördlich davon eine zweite Waldstelle. Ab 1869 pflanzte man auf Rat der Küstenschutzleitung unter Adalbert Graf Baudissin (1820–1871) auf einer Fläche von 35 Hektar kleinwüchsige Krummholzkiefern gegen die „wilden Dünen“ bei Klappholttal. Dieses „Klappholz“ gab dem größten Sylter Waldgebiet seinen Namen. 1894–98 legte der Heidekulturverein Westerland den neun Hektar großen Friedrichshain an.

1823 schickte König Friedrich VI. (1768–1839) zur Anlage einer Allee auf dem Sandwall 1.000 junge Bäume in das entstehende Seebad nach Wyk auf Föhr. Auch sein Nachfolger Christian VIII. (1786–1848) schenkte Wyk im Jahr 1847 Schatten spendende Ulmen. Gegen Ende des Jahrhunderts vergab der Heidekultur-Verein Schleswig-Holstein die Spende des Flensburger Kaufmanns Jakob Heinrich Lembke († 1881) zur Aufforstung einer Heidefläche an Wyk. Rund acht Hektar Nadelgehölz wurden bis 1902 angepflanzt.

Auf dem Festland war Carl Emeis (1831–1911) führend bei der Aufforstung. Mit Hilfe des 1871 gegründeten Heidekulturvereins legte er zwischen 1875 und 1900 die Forste Langenberg, Karlum, Süderlügum, Lütjenholm, Drelsdorf, Langenhorn und Haaks bei Bohmstedt auf einer Gesamtfläche von rund 2.100 Hektar an. Fichte, Weißtanne, Kiefer und Lärche wurden mit bis zu 20 Prozent Buche und Eiche gemischt. Die Wälder, auch gedacht als Teil eines Windschutzsystems für die Dörfer und Ackerflächen, wurden zu Lehrbeispielen nachhaltiger Heideaufforstung.

Einschneidend waren die Übernutzungen und Kahlhiebe in den letzten Jahren des Zweiten Weltkrieges und in der Nachkriegszeit. In den aufgerissenen Wäldern kam es zu Folgeschäden durch Stürme und die Vermehrung des Borkenkäfers. Eine Waldinventur im Kreis Husum ergab 1948, dass etwa 6,5 Prozent der 905 Hektar großen Waldfläche kahlgeschlagen waren. Weitere 17 Prozent waren zu gering mit Bäumen bewachsen. 1951 wurde in Joldelund der erste Forstverband Schleswig-Holsteins gegründet. Weitere folgten auf Amrum und Föhr, in Bohmstedt, Enge, Goldelund, Klixbüll, Ladelund, Langenhorn, Löwenstedt, Lütjenholm, Niebüll, Sankt Peter-Ording und Süderlügum. Bis 1959 wurden im Rahmen des Programms Nord etwa 1.400 Hektar Wald in Nordfriesland angepflanzt. In den 1980er-Jahren wurden über 300 Hektar Nadelwald in Mischwald umgebaut, um die Artenvielfalt und Stabilität der Wälder zu fördern. Amrum besitzt mit rund 200 Hektar Wald den größten Baumbestand aller nordfriesischen Inseln.

Insgesamt entstanden in Nordfriesland seit Mitte des 19. Jahrhunderts über 7.500 Hektar neuer Wald. Damit stieg der Waldanteil auf gut 4 Prozent der Nutzfläche. Dennoch ist Nordfriesland der waldärmste Kreis in Schleswig-Holstein. Ökologisch am wertvollsten sind die wenigen „historisch alten Wälder“, die eine besonders lange Kontinuität in ihrer Bestockung aufweisen. Dort haben sich viele Pilze, Pflanzen, Insekten und andere Tiere in großer Vielfalt erhalten. Die Wälder der Ostenfelder Geest und der Immenstedter Wald wurden deshalb als Flora-Fauna-Habitat-Gebiete im europäischen Schutzgebietssystem „Natura 2000“ ausgewiesen.

Orkanartige Stürme wie „Anatol“ oder 2013 „Christian“ und „Xaver“ legten etwa ein Zehntel des Waldes flach und veränderten das Gesicht der Landschaft gravierend. Das Eigentum an der heute gut 9.000 Hektar großen Waldfläche Nordfrieslands teilt sich derzeit wie folgt auf: 47 Prozent gehören dem Land Schleswig-Holstein, 37 Prozent privaten Eigentümern, elf Prozent Kommunen und fünf Prozent dem Bund.

Kunz/Steensen 2013 u. 2014, Steenbuck 2014.


Der Leiter der Kieler Forstlehranstalt August C. H. Niemann (1761–1832) beschrieb 1809 die Lage des Waldes in Nordfriesland: „Am meisten von der Natur durch ihre Lage benachteiligt sind die Hölzungen im Amt Husum. Die unmittelbare Nähe oder geringe Entfernung zur See oder eine daran grenzend unabsehliche nackte Fläche legt sie, durch keinen vorstehenden Wald oder Berg gedeckt, den Nordwestwinden blos, und die Spuren verwüstender Wirkung ihrer unaufgehaltenen Gewalt sind nicht selten.“