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Nordfrieslandlexikon
Vogelkojen

Vogelkojen (fer.: fögelkuien; frasch: föögelkuie; sölr.: Fügelkuien; wied.: föögelkuie) Die Anlagen zum Entenfang bestehen meist aus einem quadratischen Süßwasserteich und vier hornförmig gebogenen Seitenkanälen. Diese sogenannten Fangpfeifen sind mit Schilfwänden und Netzwerk umgeben und enden in Reusenanlagen. Durch den Teich, der in einem künstlich angelegten, dichten Wäldchen aus Weiden, Pappeln, Erlen und Moorbirken gut getarnt lag, wurden die in jedem Jahr von August bis Dezember nach Südwesten durchziehenden Pfeif-, Spieß-, Stock- und Krickenten in großen Scharen angezogen und mit Hilfe von Lockenten in die Fangpfeifen gelockt. Der plötzlich hervortretende Kojenfänger trieb die Tiere in die äußerste Spitze einer Pfeife, wo sie in der Reuse gefangen und durch „Ringeln“, d. h. Halsumdrehen, schnell und schmerzlos getötet wurden. Diese Art der Jagd stand und steht im Einklang mit den heute gültigen europäischen Vogelschutzrichtlinien.

Es gab insgesamt 15 Vogelkojen an der Küste Nordfrieslands. Die erste Anlage entstand 1730 in der Oevenumer Marsch auf Föhr. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es sechs Kojen auf der Insel. Weitere der nach niederländischem Vorbild gebauten Fanganlagen entstanden im 18. und 19. Jahrhundert auf den Inseln Amrum (zwei), Nordstrand (zwei), Pellworm (eine), Sylt (drei) und im Störtewerkerkoog (eine).

Der Wildentenfang trug lange Zeit zum Lebensunterhalt der Inselbewohner bei, allein in der Vogelkoje Kampen auf Sylt wurden von 1767 bis zu ihrer Stilllegung 1921 insgesamt 695.957 Enten erjagt. Heute sind nur noch vier der Föhrer Entenkojen aktiv, und der Fang ist durch Verordnung drastisch eingeschränkt. Die beiden Oevenumer Vogelkojen „Dünkirchen“ und „Belgrad“ – die Namen entstanden wegen erbitterter Streitigkeiten zwischen den Interessenten; Dünkirchen steht als Synonym für den Englisch-Spanischen Krieg (1655–1660), Belgrad für die Türkenkriege (1683–1699) – stehen unter Denkmalschutz und bilden ebenso wie die geschützte Vogelkoje Kampen wichtige Refugien für Wildtiere und Pflanzen. In dieser heute von dem friesischen Verein Söl’ring Foriining betreuten Fanganlage, die auch ein Informationszentrum des Deutschen Bundes für Vogelschutz beherbergt, konnten seit 1971 insgesamt 51 Brutvogelarten festgestellt werden, und 170 Pflanzenarten sind in dem seiner natürlichen Entwicklung überlassenen Bruchwald nachzuweisen.

Binder 1997, Hilty 1978, O. G. Meier 1987, Quedens 1990a, Sönksen-Martens 2016.


Während der Fangzeit durften die Vogelkojen von niemandem betreten werden. Dies störte den nach 1864 für Nordfriesland zuständigen preußischen Statthalter Generalleutnant Edwin von Manteuffel (1809–1885) wenig. Er wollte die Borgsumer Koje besichtigen, begehrte Einlass und wies bedeutungsvoll darauf hin, dass er Manteuffel sei. Der Kojenwärter antwortete stoisch: „Mandüwel oder wat för’n Düwel, hier kömmt keen Düwel rin!“