geöffnet
Nordfrieslandlexikon
Utlande

Utlande bedeutet „Außenlande“. Die traditionelle Bezeichnung für das Gebiet zwischen der Geest und den Außensänden des Wattenmeeres findet sich erstmals im Erdbuch des dänischen Königs Waldemar II. (1170–1241) von 1231. Die dreizehn Harden der Utlande waren Sylt, Osterlandföhr, Westerlandföhr mit Amrum, die Wiedingharde (zunächst Horsbüllharde), die Bökingharde, die fünf Harden Alt-Nordstrands, nämlich die Wirichs-, Pellworm-, Edoms-, Beltring- und Lundenbergharde, sowie die sogenannten Dreilande Utholm, Everschop und Eiderstedt. Lange Zeit waren die abgelegenen Gebiete der nordfriesischen Inseln und Halligen nur schlecht zugänglich, weshalb sich die dortigen Harden und Landschaften eine relativ große Unabhängigkeit gegenüber der Landesherrschaft bewahren konnten.

Kennzeichnend und prägend für die Utlande ist die fortwährende Auseinandersetzung des Menschen mit den Naturgewalten. So ist die Geschichte Nordfrieslands über weite Strecken bestimmt durch die Versuche, den Utlanden mit Hilfe von Deichen und Kögen Siedlungsland und wirtschaftlichen Nutzen abzuringen. Heute setzt der Interessenkonflikt zwischen Natur- und Landschaftsschutz, wirtschaftlicher Nutzung und Fremdenverkehr, wie er sich vor allem in den Diskussionen um den Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer äußert, in den Utlanden wesentliche Akzente.

Kunz/Panten 1999, Panten 1996.


In seiner „Naturalis historia“ beschreibt der römische Historiker und Schriftsteller Gajus Plinius Secundus Maior (23/24–79 n. Chr.) die Utlande: „In gewaltigem Andrange treibt dort zweimal innerhalb eines Tages und einer Nacht, unermesslich weit ausgedehnt, der Ozean heran, indem er den ewigen Widerstreit der Natur verbirgt, und zweifelhaft ist es, ob man hier Land oder einen Teil des Meeres vor sich hat. Dort bewohnt ein armseliges Volk hohe Erdhügel, die wie Tribunale nach Maßgabe der höchsten Flut mit den Händen errichtet sind, und mit den darauf errichteten Hütten gleichen sie Seefahrern, wenn die Gewässer die Umgegend bedecken, Schiffbrüchigen aber, wenn die Fluten zurückgetreten sind. In der Nähe ihrer Hütten machen sie Jagd auf die zugleich mit dem Meere fliehenden Fische. Nicht ist ihnen wie den Nachbarn das Glück zuteil geworden, ein Stück Vieh zu besitzen oder sich mit Milch zu ernähren, ja, nicht einmal mit wilden Tieren zu kämpfen, da alles Gebüsch fehlt. Aus Schilfgras und Sumpfbinsen flechten sie Stricke zu Fischernetzen, und indem sie mit den Händen geformten Kot mehr durch den Wind als durch die Sonne trocknen lassen, kochen sie mit der brennbaren Erde ihre Speisen und erwärmen damit ihre vom Nordwinde erstarrten Eingeweide. Als Getränk haben sie nur Regenwasser, welches auf dem Vorplatz des Hauses in Gruben aufbewahrt wird. Und diese Menschen behaupten noch, dass sie Sklaven sein würden, wenn sie heutigen Tages von dem römischen Volke besiegt werden sollten. Aber wahrlich, so ist es: Viele verschont das Schicksal zu ihrer Strafe!“

Barts 1978.