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Nordfrieslandlexikon
Schimmelreiter

„Schimmelreiter“ Die Novelle von Theodor Storm (1817–1888) erschien 1887. Erzählt wird die Geschichte des ehrgeizigen Hauke Haien, der als Sohn eines Deicharbeiters im Selbststudium Mathematik und Geometrie erlernt und dem Deichgrafen die Arbeit abnimmt. Er heiratet dessen Tochter Elke und wird selbst zum Deichgrafen. Er setzt gegen die Koogsgemeinschaft eine große Neubedeichung durch, bleibt umstritten und kommt schließlich bei einer Sturmflut ums Leben, indem er sich den Naturgewalten gewissermaßen als Opfer darbringt.

Die Novelle wird häufig als Nationalepos der Nordfriesen bezeichnet. Das Motiv vom „gespenstigen Reiter“, der bei Sturmflut auf einem gefährdeten Deich erscheint, stammt jedoch von der Weichsel. Sturmflut und Deichbau aber sind gleichsam klassische friesische Themen. Darum identifizierten sich viele Nordfriesen mit Storms wirklichkeitsnaher Erzählung wie mit keinem anderen literarischen Werk. Als Rechtsanwalt und Amtsrichter in Husum hatte er manchmal auch mit Deichsachen zu tun und arbeitete sich intensiv in die Materie ein. „Der Schimmelreiter“ wurde zu Storms großem Alterswerk, das er nur vollenden konnte, weil seine Familie ihm vorspiegelte, doch nicht an Magenkrebs erkrankt zu sein.

Einen historischen Roman allerdings wollte Storm nicht schreiben. Der Deichgraf Hauke Haien ist eine Phantasiegestalt. Ihr dienten jedoch ganz verschiedene geschichtliche Personen als Vorbilder. Der junge Hauke, der sich auf dem Dachboden in holländisch geschriebene naturwissenschaftliche Fachbücher vertieft, erinnert an den Landmann Hans Momsen (1735–1811) aus Fahretoft, „der ein Bauer war und doch Bussolen und Seeuhren, Teleskopen und Orgeln machen konnte“, wie Storm selbst schreibt. Zu nennen ist auch Jean Henri Desmercières (1687–1778), der in der Bredstedter Bucht im 18. Jahrhundert ein modernes, abgeflachtes Deichprofil verwandte, wie Storm es in der Novelle Hauke Haien zuschreibt. Recht gut kannte Storm die Deichgrafenfamilie Iwersen Schmidt auf dem Hof Lundenberg in der nahen Hattstedtermarsch, wo er das Leben auf einem großen Marschhof studieren konnte.
Als 1959 der neue Koog vor Ockholm und Fahretoft einen Namen erhalten sollte, entschied man sich nach langer Diskussion für Hauke-Haien-Koog. Kaum irgendwo sonst dürfte eine Örtlichkeit nach einer literarischen Figur benannt sein.