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Nordfrieslandlexikon
Marsch

Marsch (fer.: maask; frasch: mjarsch; sölr.: Mērsk; wied.: mjarsk) nennt man die zwischen Watt und Geest etwa in Meereshöhe oder tiefer gelegene Küstenlandschaft. In Nordfriesland zieht sie sich als etwa fünf bis fünfzehn Kilometer breiter Streifen entlang der Küste von der dänischen Grenze bis zur Halbinsel Eiderstedt und bedeckt mit rund 1.000 Quadratkilometern bis zu 49 Prozent der Kreisfläche. Über 170 Köge konnten eingedeicht werden. Nur bei Schobüll, nördlich von Husum, tritt die Geest für wenige Kilometer an den Strand heran und macht durch ihre „Höhenlage“ einen Deichschutz überflüssig. Mehr oder weniger ausgeprägte Marschgebiete gibt es auch auf den nordfriesischen Inseln. Pellworm und Nordstrand sind reine Marschinseln, Föhr besteht etwa zur Hälfte, Sylt zu rund 30 Prozent aus Marschland.

Die Marschen entstanden in den letzten 6.000 Jahren durch natürliche Sedimentationsprozesse im Watt. Dabei wurden im Rhythmus der Gezeiten die von Strömung und Wind aufgewühlten Schweb- und Sinkstoffe des Wattenmeeres in Küstennähe über Basistorfen wieder abgelagert. Über dieser alten Marsch der Utlande bildete sich ein großes Hochmoorgebiet aus. Der Meeresspiegelanstieg seit dem 11. Jahrhundert führte an der Küste zur Bildung junger Marsch, die sich über das Hochmoor legte, sodass im Westen Marschhochland und im Osten, am häufig versumpften oder vermoorten Geestrand, das etwa ein bis zwei Höhenmeter tiefer liegende Marschsietland entstand. Während sich der Klei des Hochlandes gut zum Ackerbau eignete, konnte das oft wasserundurchlässige Sietland meist nur als Weide genutzt werden.

Die frühen Siedlungsplätze in den Utlanden waren auf Warften angelegt. Durch den steigenden Meeresspiegel wurde es immer dringlicher, auch Vieh und Weiden durch Deiche vor Hochwasser und Sturmfluten zu schützen. Auf diese Weise entstanden im späten Mittelalter die ersten Köge. Durch das Abgraben des Salztorfes und das nachfolgende Absacken des ausgetrockneten Bodens gefährdeten die Friesen ihr Siedlungsgebiet. In den großen Sturmfluten von 1362 und 1634 kam es zu katastrophalen Meereseinbrüchen, und große Kulturflächen wurden in Watt zurückverwandelt. Es entstand die heutige Insel- und Halligwelt Nordfrieslands.

Erst seit dem 17. Jahrhundert gelang es nach und nach, durch systematische, großräumige Eindeichungen den Meereseinfluss zurückzudrängen und das einmal gewonnene Neuland wirkungsvoll zu verteidigen. So sind es neben den typischen Wehlen und Späthingen vor allem die vielen Sielzüge und Gräben, die zusammen mit der aus dem Vorland bekannten Grüppen- und Beetstruktur des Grünlands den Marschcharakter prägen. Kaum irgendwo anders sind die Böden so fruchtbar wie in der nordfriesischen Marsch, wo sie ihren Besitzern zeitweise großen Wohlstand bescherten. Die stolzen Haubarge in Eiderstedt zeugen noch heute davon.

Fischer 1997, Steensen 1994.