geöffnet
Nordfrieslandlexikon
Grabsteine

Grabsteine (fer.: likstianer; frasch: likenstiine; sölr.: Likstiiner; wied.: likstiine) Auf den Kirchhöfen der nordfriesischen Inseln Amrum, Föhr und Sylt stehen Grabsteine mit dekorativen Inschriften und symbolischen Darstellungen. Bei den „redenden“ Grabsteinen handelt es sich um historische Schätze ganz besonderer Art. Ursprünglich waren es Grabplatten, die die letzten Ruhestätten bedeutender Persönlichkeiten bedeckten, später wurden sie aufgerichtet. Manche Steine lehnen heute an den Außenmauern der Kirchen, andere legte man als Türschwellen oder Trittsteine vor die Kirchentüren.

Die rechteckigen Platten aus Sandstein oder rotbraunem Marmor aus Belgien wurden etwa ab dem 17. Jahrhundert fertig gemeißelt importiert. Von Beginn des 18. Jahrhunderts bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts verzierten auch Steinmetze auf Föhr und aus der Region die Grabsteine. Mit der Herausbildung des regulären Steinmetzhandwerks gehen Namen einher wie Peter Wögens in Oevenum, tätig 1827–73, oder Erk Lorenzen in Utersum, tätig 1845–83, denen auch die Söhne in der Berufswahl folgten.

Die Grabsteine erzählen die Lebensgeschichten der Verstorbenen. Im Halbrund am Kopf der Steine befinden sich oft Bilder. Dabei handelt es sich zumeist um die Darstellung von Berufen – etwa in Form eines Segelschiffes – oder um ganze Familienreihen. Die Meisterwerke alter Grabmalkunst berichten von Geburten, Eheschließungen und Todesfällen, vom Beruf, von Ehrenämtern und Lebenserfahrungen. Allegorien und Symbole wie z. B. die inseltypischen Kreuze, Herzen und Anker stehen für Glaube, Liebe und Hoffnung. Bei den Familienbäumen stellen Tulpen und Eicheln die männlichen, Rosen oder Narzissen die weiblichen Familienmitglieder dar. Große Blumen symbolisieren die Eltern, kleine die Kinder und abgeknickte die früh Verstorbenen. Die große Mehrheit der Steine bezeugt eine unerschütterliche Zuversicht auf eine Auferstehung nach dem Tode und ein Wiedersehen mit den Angehörigen im Jenseits.

Auf dem Kirchhof von Sankt Nicolai im Wyker Ortsteil Boldixum ist der Grabstein des Kapitäns Oluf Volkerts (1630–1715) besonders sehenswert, bei Sankt Johannis in Nieblum der Stein des Kapitäns Dirck Cramer (1725–1769) und bei Sankt Laurentii in Süderende der Grabstein des wohl erfolgreichsten nordfriesischen Walfangkommandeurs Matthias Petersen (1632–1706).

Auf Sylt befinden sich die meisten Grabplatten auf dem Friedhof von Keitum. Hier ließ in den 1960er-Jahren der Sylter Jurist Hugo Krohn (1910–1973) zusammen mit der Axel-Springer-Stiftung viele der kostbaren Steine renovieren und am nördlichen Friedhofswall aufstellen, darunter auch den mächtigen Familiengrabstein der Landvogtdynastie Taken. Auf dem Westerländer Friedhof steht die Grabplatte des berühmten Walfängers und Strandinspektors Lorens Petersen de Hahn (1668–1747). An der Ostseite der Kirche Sankt Niels in Westerland lehnt die Grabplatte von Kapitän Dirk Meinerts Hahn (1804–1860) mit der Aufschrift „Die Guten sterben nie“. Hahn brachte Auswanderer nach Australien und vermittelte ihnen dort fruchtbares Land.

Fast 150 Grabsteine befinden sich auf dem Friedhof von Sankt Clemens in Nebel auf Amrum. 2013 wurden sie restauriert. Ein besonderes Schicksal verbirgt sich hinter dem Namen Hark Olufs (1708–1754).

Anger 1999, Bechthold 1996, Krohn 1972, W. Lüden 1984, Quedens 1982 u. 2012, Rheinheimer 2012, Schlee 1968 u. 1971, Schreiber/Hanke 1985, Tholund 1971.


Der Grabstein des Kommandeurs Tücke Olufs (1695–1757) auf dem Kirchhof zu Sankt Nicolai in Boldixum trägt folgende Inschrift:

Hineben liegen die Gebeine
des Commandr: Tücke Olufs aus Wrixum,
der 1695 den 10. Aug. daselbst geboren. An. 1723 d. 17. Nov.
mit Gerlich Namens aus Oevenum in den
Ehestand getreten und mit ihr 7 Söhne und 2 Töchter gezeuget.
Nachdem Er 50 Jahre zur See gefahren und
darinnen 33 mahl als Commandeur nach Grönland
gewesen, hat Er den 26. Aug. 1757 in Amsterdam
diese Welt verlassen.
Wie auch dessen Ehefrau Gerlich Tückes,
die Ao. 1701 den 9. Aug. in Oevenum geboren, in
obgedachter gesegneten Ehe gelebet 34 Jahre weni-
ger 11 wochen und 6 tage und dieses Zeitliche geseg-

net hat Ao. 1767 den 11. Juni, da Sie ihr Alter gebracht
hatte auf 65 Jahr 10 Monath.

Auf der Stele von 1840 für Urban Willems und seine Frau Poppe auf dem Friedhof von Sankt Clemens in Nebel auf Amrum heißt es:
„Dieser Stein bleibt stehen zum Andenken –
solange der Stein Stein ist.“


Steensen 2014.