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Nordfrieslandlexikon
Friesisches Manifest

Friesisches Manifest Auf dem 6. Friesenkongress 1955 in Aurich verabschiedeten die Vertreter der drei Frieslande das Friesische Manifest. Es hatte über 50 Jahre unverändert Bestand und wurde auf dem Friesenkongress in Leck 2006 durch die Interfriesische Erklärung erneuert.

Das Friesische Manifest


Am Tage des sechsten gemeinsamen Treffens in neuerer Zeit stehen wir Friesen aus Nord-, Ost- und Westfriesland, aus dem Saterland und dem Lande Wursten, aus dem Oldenburger Land und von Helgoland an der uns allen ehrwürdigen Stätte, am Upstalsboom, wo sich im Mittelalter die Abgesandten der sieben Seelande versammelten.

Wir sind zusammengekommen, weil wir fühlen, daß wir zusammengehören, und weil die Kraft dieses Gefühls nach Ausdruck verlangt; diese Kraft, die lebendig geblieben ist über alle Wechselfälle der Geschichte und über alle einmal entstandenen Grenzen hinweg.

Gemeinsam ist uns das Volkstum, gemeinsam der Kampf gegen die Naturgewalt der Nordsee, gemeinsam vor allem das Bewußtsein unserer Freiheit von den Niederlanden bis nach Dänemark.

Die Zeit drängt nach größeren Zusammenschlüssen. Die drei Frieslande bejahen alle Bestrebungen, die zu einem geeinten Europa führen.

Wir gehören freilich mehr als einem Staate an, fühlen uns aber über alles Trennende hinweg als Angehörige eines Stammes, gewohnt und gewillt, unserer Eigenart die Treue zu halten. Mit den Friesentagen, die im Jahre 1925 in Jever ihren Anfang nahmen, bekennen wir uns zur Besinnung auf die gemeinsamen Werte.

Wir bekennen uns zu einer Kultur, die in den Tiefen des Volkstums wurzelt. Gemeinsam wollen wir sie pflegen.

Wir bitten alle verantwortlichen Stellen, die kulturelle Arbeit unserer friesischen Institute und Verbände recht zu kennen und sie so zu fördern, daß ihre volle Entfaltung zum sichersten Deich gegen die gleichmachende Flut der Massen wird.

Wir bekennen uns zu unserer Muttersprache, sei sie friesisch oder plattdeutsch, die uns als wertvollstes Gut mitgegeben wurde und die wir pflegen wollen vor allem anderen. Elternhaus, Schule und Kirche sollen uns dabei helfen, und alle staatlichen Stellen weisen wir darauf hin und bitten sie, Größe und Wert dieser Aufgabe zu erkennen.

Wir bekennen uns zur gemeinsamen Arbeit. Der Friesenrat, den wir berufen, wird die Aufgabe haben, die Zusammenarbeit zu verstärken, Wissenschaft und Schrifttum und alles schöpferische Streben zu fördern und damit das ehrenvolle Ansehen Frieslands in der Welt zu mehren.

Angenommen auf dem 6. Friesenkongress am 28. August 1955 in Aurich (Ostfriesland).


Interfriesische Erklärung


Unter Berücksichtigung der gemeinsamen Geschichte der drei Frieslande, in Anerkennung des Willens der Friesen über staatliche Grenzen hinweg, in einem gemeinsamen Europa ihre eigene Sprache und Kultur und somit ihre Identität auch in Zukunft zu erhalten, im Bewusstsein, dass das Bekenntnis zum friesischen Volk frei ist, unter Berücksichtigung, dass in Westfriesland, Nordfriesland und im Saterland die friesische Sprache sowie in Ostfriesland das Niederdeutsche im Mittelpunkt der kulturellen Arbeit steht, in Übereinstimmung mit dem Rahmenübereinkommen des Europarates zum Schutz nationaler Minderheiten und der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen und unter Berufung auf das Friesische Manifest aus dem Jahre 1955, erklären wir im Interfriesischen Rat vertretenen Friesen:

Wir gehören mehr als einem Staat an, fühlen uns aber über alles Trennende hinweg als Angehörige eines Volkes, gewohnt und gewillt, unsere eigene Sprache zu pflegen und auszubauen.

Wir wollen unsere Sprache, die für uns identitätsstiftend ist, fördern und ausbauen.

Wir appellieren an alle staatlichen und öffentlichen Stellen, besonders an Kindergarten, Schule, Kirche, Landschaften, öffentliche Verwaltung und Vereine sowie an die Medien, uns bei unserem Bestreben nach Förderung unserer Sprache zu unterstützen.

Wir fördern und pflegen unsere gemeinsame friesische Kultur, die mit unserer eigenen Sprache verbunden ist. Im Sinne der Sprachencharta und der Rahmenkonvention zum Schutz nationaler Minderheiten fordern wir die Bundesrepublik Deutschland und das Königreich der Niederlande auf, die Arbeit unserer friesischen Institutionen, Einrichtungen und Verbände so zu fördern, dass wir Friesen eine dem europäischen Standard entsprechende Unterstützung erhalten.

Wir Friesen in Nord- Ost- und Westfriesland wollen einander bei friesischen Angelegenheiten helfen und unterstützen. Wir wollen die Zusammenarbeit verstärken, um die eigene Sprache, Kultur, Wissenschaft, Schrifttum und alles schöpferische Streben zu fördern, damit die sprachliche und kulturelle Vielfalt in den Frieslanden und in Europa auch im Sinne der UNESCO-Konventionen gestärkt wird.

Unsere Arbeit ist begründet in dem Bewusstsein, dass wir in den drei Frieslanden mit Menschen zusammenleben, die sich nach Herkunft, Sprache oder aus anderen Gründen nicht als Friesen verstehen. Dieses Zusammenleben erfordert gegenseitige Achtung und Toleranz, die wir Friesen anstreben. Nach unserer Überzeugung leisten wir damit auch einen
Beitrag zum Frieden in unserem Teil der Welt.

Angenommen am 5. Mai 2006 auf der Mitgliederversammlung des Interfriesischen Rates in der Nordsee-Akademie in Leck, Nordfriesland.


Nordfriisk Instituut.