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Nordfrieslandlexikon
Friesen

Friesen (fer.: fresken; frasch: frasche; sölr.: Friisen; wied.: freeske) gibt es seit über 2.000 Jahren. Von den antiken römischen Autoren Plinius Secundus d. Ä. (23/24–79) und Tacitus (um 58–um 120) werden sie als Frisii, Frisones oder Frisia(e)vones zuerst erwähnt. Tacitus unterscheidet dabei Groß- und Kleinfriesen nach ihrer Streitmacht. „Beide Stämme werden bis zum Ozean vom Rhein umsäumt und wohnen zudem noch um ungeheure Seen herum.“ Das Meer als wesentliches Element friesischer Geschichte steht also bereits am Anfang der historischen Überlieferung. Siegreich revoltierten die Friesen gegen die Ausbeutung durch Olennius, wie Tacitus berichtet. In diesem Zusammenhang steht sein Wort „clarum inde inter Germanos Frisium nomen“: Seitdem hatte der Name der Friesen unter den Germanen einen hellen Klang. Unsicher ist indes die Herkunft eines weiteren lateinischen Ausspruchs, der vielleicht erst aus sehr später Zeit stammt: „Deus mare, Friso litora fecit.“ Gott schuf das Meer, der Friese die Küste.

Wohl auf das heute ostfriesische, damals von Chauken bewohnte Gebiet bezieht sich die Schilderung des Plinius: „In großartiger Bewegung ergießt sich zweimal im Zeitraum eines jeden Tages und einer Nacht das Meer über eine unendliche Fläche und offenbart einen ewigen Streit der Natur in einer Gegend, von der es zweifelhaft ist, ob sie zum Lande oder zum Meer gehört. Dort bewohnt ein beklagenswertes Volk hohe Erdhügel, die mit den Händen nach dem Maß der höchsten Flut errichtet sind. Die Bewohner in ihren Hütten gleichen Segelnden, wenn die Fluten das umliegende Land bedecken, und Schiffbrüchigen, wenn sie wieder zurückgewichen sind und ihre Hütten gleich gestrandeten Schiffen dort allein liegen.“ Ähnliche Bilder und Gedanken stellen sich noch heute im Blick etwa auf die nordfriesischen Halligen ein.

Das älteste berichtete Ereignis lässt sich auf das Jahr 12 v. Chr. datieren. Der römische Heerführer Drusus (38 v. Chr.–9. v. Chr.) gewann auf seinem Kriegszug gegen die Germanen die Friesen als Bundesgenossen. Sie retteten ihn, als seine Schiffe bei Ebbe auf dem Trockenen sitzen blieben, berichtet später Cassius Dio (um 163–nach 229). Als mäßigen Jahrestribut haben die Frisii Rinderhäute an das römische Reich abzuliefern. Die Friesen, die schon damals an der südlichen Nordseeküste siedelten, gehören damit zu den am frühesten bezeugten heute noch bestehenden germanischen Stämmen; nur die Schwaben wurden noch etwas früher erwähnt.

Von etwa 300 bis zum siebten Jahrhundert fehlen weitere schriftliche Nachrichten über die Friesen. Diese Epoche ist das „dunkle Zeitalter“ in der friesischen Geschichte. Archäologische Untersuchungen lassen den Schluss zu, dass es in dieser Zeit zu einem Bevölkerungsaustausch gekommen ist. Somit ist unsicher, ob die von den Römern bezeugten Friesen überhaupt ein germanisches Volk waren. Im Laufe der Jahrhunderte jedoch mischten sie sich mit eindringenden Germanen, wurden teils selbst germanisiert, haben ihre neuen Mitbewohner aber wohl auch „frisiert“.

Die Geschichte der Friesen ist eng mit den landschaftlichen Gegebenheiten an der Nordsee verknüpft. Landgewinnung durch den Bau von Deichen und Landverlust durch schwere Sturmfluten können als Grundmotiv gelten. Darüber hinaus ist sie eingebettet in die Entwicklung der Niederlande, Deutschlands und Dänemarks.

Vermutlich im frühen Mittelalter erweiterten die Friesen ihr Gebiet an der Küste entlang nach Westen bis zur Schelde bei Brügge und nach Osten bis zur Unterweser, später auch etwas darüber hinaus nach Wursten und Wührden. Dabei handelte es sich aber keineswegs immer um nur von Friesen bewohnte Gebiete. Vor allem in den Randgebieten war die Bevölkerung wohl recht gemischt mit Friesen, Franken und Sachsen. Einen alle friesischen Gebiete umfassenden Staat hat es vermutlich nie gegeben. Im achten Jahrhundert gelangte das gesamte friesische Gebiet an der südlichen Nordseeküste in den Herrschaftsbereich der fränkischen Könige. Dennoch blieb ein hohes Maß an Freiheit und Selbstverwaltung erhalten. Friesische Eigenständigkeit zeigte sich vor allem im Bereich des Rechts, das zur Zeit Karls des Großen als „Lex Frisionum“ in lateinischer Sprache aufgezeichnet wurde. Gleichzeitig mit der fränkischen Herrschaft drang das Christentum vor, allerdings nicht ohne Widerstände. Der angelsächsische Missionar Bonifatius wurde 754 bei Dokkum von Friesen getötet.

Im siebten Jahrhundert kamen die ersten Friesen von der südlichen Nordseeküste in das Gebiet, das später „Klein-Friesland“ und sodann „Nordfriesland“ genannt wurde. Sie besiedelten zunächst vor allem die Geestinseln, in einer zweiten Welle seit dem 11. Jahrhundert die Marsch des Festlandes, die sie durch Entwässerung und Küstenschutz nutzbar machten. Ihre Häuser errichteten sie zunächst auf Warften. Die genossenschaftliche Unterhaltung der Deiche bildete die Grundlage für eine stark entwickelte Selbstverwaltung. Die Überschüsse aus der Bewirtschaftung des fruchtbaren Bodens, die Gewinnung von Salz und die Küstenlage schufen die Voraussetzungen für Seefahrt und Handel rund um die Nordsee, die zeitweise als Mare Frisicum bezeichnet wurde. Wichtigste Erwerbsquelle blieb bis weit ins 20. Jahrhundert hinein die Landwirtschaft. Vor allem für die Bewohner der friesischen Inseln war zeitweise die Seefahrt bedeutsam. Seit dem 19. Jahrhundert spielt der Fremdenverkehr eine wesentliche Rolle.

Im Zuge der entstehenden bürgerlichen Bewegung stellte sich den Friesen ab dem 19. Jahrhundert die Frage eines nationalen Bewusstseins, das von führenden Persönlichkeiten der friesischen Bewegung eingefordert wurde. Als wichtigste Identitätsmerkmale der Friesen gelten die friesische Sprache sowie ein Bewusstsein von der maritim geprägten friesischen Geschichte. Die friesische Kultur ist von großer Vielfalt geprägt. Bis heute geübte Traditionen sind etwa das Biikebrennen oder das Boßeln. Zum Teil neu belebt wurden die vielfach an historischen Vorbildern orientierten friesischen Trachten. Auch in Hinsicht der Architektur weist Nordfriesland von allen Landschaften in Deutschland die größte Vielfalt auf.

Die Friesen in den drei Frieslanden unterhalten heute enge Verbindungen. In Nord- und Westfriesland ist eine friesische Bewegung bemüht, Friesisch als eigene Sprache und Kultur zu erhalten und zu fördern.

Arfsten/Steensen/Vanselow 2013, Munske 2001, Steensen 2000a, 2001f u. 2006a.