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Nordfrieslandlexikon
Föhr

Föhr (fer.: Feer; frasch: Fäär; sölr.: Föör) Föhr ist die fünftgrößte Insel Deutschlands und die nach Sylt zweitgrößte Nordfrieslands. Sie ist 82,8 Quadratkilometer groß und hat einen Umfang von rund 37 Kilometern. Die Insel liegt umgeben von Sylt und Amrum sowie den Halligen Langeneß und Oland im nordfriesischen Wattenmeer. Zu Westerland auf Sylt beträgt die Entfernung rund 15 Kilometer Luftlinie in nordwestlicher, zur Südspitze Sylts sieben Kilometer in westlicher Richtung. Amrum liegt rund drei Kilometer südwestlich von Föhr, die Hallig Langeneß rund fünf Kilometer südöstlich. Der Name bezieht sich auf die Fahr- und Schiffbarkeit der die Insel umgebenden Gewässer. Im Unterschied zu Amrum und Sylt gibt es keine ausgedehnten Dünengebiete. 1198 wurde Föhr im Bullarium Danicum, einer päpstlichen Aktensammlung, erstmals urkundlich erwähnt. Derzeit leben etwa 8.270 Menschen auf der Insel.

Die Föhrer Landschaft teilt sich in zwei ähnlich große Flächen. Die Südhälfte besteht aus eiszeitlicher Geest, der Norden aus vom Meer angeschwemmter Marsch. Im 16. Jahrhundert wurde dort der Föhrer Marschkoog mit einem etwa 23 Kilometer langen Deich umgeben. Auf der Trennlinie, dem Geestrand, liegen von Ost nach West die Orte Boldixum, Wrixum, Oevenum, Midlum, Alkersum, Nieblum, Goting, Borgsum und Oldsum-Klintum. Auf dem westlichen Geestgebiet liegen die Gemeinden Witsum, Utersum, Dunsum und Süderende. Die Geest liegt im Schnitt nur wenige Meter über dem Meeresspiegel, an zwei Stellen, beim Utersumer Kliff und beim Goting-Kliff, fällt sie in Form einer bis zu fünf Meter hohen Abbruchkante steil zum Wattenmeer ab. Von der Geest aus bewirtschaftete man die häufig überschwemmten Weideflächen und die sechs Vogelkojen, deren erste 1730 in der Oevenumer Marsch entstand.

Den in der Zeit des Walfangs und in der Seefahrt erworbenen Wohlstand repräsentieren noch recht zahlreiche utlandfriesische Häuser. In schlechteren Zeiten suchten viele Föhrer Familien ihr Glück in der Auswanderung nach Übersee. Über 100 Betriebe aus der Landwirtschaft prägen bis heute die Landschaft und das Inselleben. Erreichbar ist Föhr mit den Fährschiffen der Wyker Dampfschiffs-Reederei (W.D.R.). Der Haupt- und Hafenort Wyk (Wik = Bucht) entwickelte sich mit der Gründung des ältesten Seebads an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste, gleichzeitig ist er die jüngste der 16 Föhrer Ortschaften.

Auf dem Kirchhof der Sankt Johannis-Kirche von Nieblum wie auch bei Sankt Laurentii in Süderende und Sankt Nicolai in Boldixum sind denkmalgeschützte Grabsteine zu finden, die in schmuckvoller Weise der Verstorbenen gedenken. Nördlich von Borgsum erhebt sich aus der flachen Marsch die Lembecksburg, ein weithin sichtbarer Ringwall aus der Wikingerzeit. Grabhügel sind Zeugen menschlicher Besiedlung in der Vor- und Frühgeschichte.

In verwaltungsmäßiger und politischer Hinsicht ist die Teilung zwischen Osterlandföhr und Westerlandföhr von Bedeutung. Bis 1864 unterstand Osterlandföhr dem Herzogtum Schleswig. Westerlandföhr war eine reichsdänische Enklave. Der Föhr-Besucher Friedrich von Warnstedt (1785–1836) sprach 1824 von einer „tief eingewurzelten Abneigung“ zwischen beiden Teilen. Sie war auch nach 1864 manchmal spürbar.

Die ursprüngliche Sprache der Insel ist das Fering, das Föhrer Friesisch. Der Föhrer Heimatverein Fering Ferian pflegt u. a. die Föhrer Tracht. Sie entstand in der heutigen Form aus dunklen Stoffen und weißer Schürze vor etwa 150 Jahren. Der Arzt Carl Haeberlin (1870–1954) war treibende Kraft bei der Einrichtung des 1927 nach ihm benannten Dr. Carl-Haeberlin-Friesen-Museums in Wyk. In Alkersum befinden sich das Museum Kunst der Westküste und die Ferring Stiftung. Sie wurde 1988 von dem Föhringer Mediziner und Pharmaunternehmer Frederik Paulsen (1909–1997) gegründet und dient u. a. der Erhaltung friesischer Sprache und Kultur auf der Insel.

Hansen/Hansen 1971, Kunz/Steensen 2013, Schmidt-Petersen 1965, Tholund 2000b.

Mit der Gestalt der Insel Föhr beschäftigte sich der friesische Schriftsteller Lorenz Conrad Peters (1885–1949) in einem Gedicht:

Üsens Feer, det as en pankuk

Üsens Feer, det as en pankuk
uun en poon so griisegrat,
an wi, wi san a fleegen,
diar üüb a pankuk sat.
Wi süüg hir temelk haablig,
wel ale rocht föl fet,
wi krawle an wi brome
an haa’t hir doch so net.
Man aatj saad al aleewen: „Leew dring,
diar kön’k üüb sweer:
Nahuaren gong’t so bruket tu
üs üüb üüs eilun Feer!“


Unser Föhr, das ist ein Pfannkuchen
in einer Pfanne so riesengroß,
und wir, wir sind die Fliegen,
die auf dem Pfannkuchen sitzen.
Wir saugen hier ziemlich gierig,
wollen alle recht viel Fett,
wir krabbeln und wir brummen
und haben es doch so nett.
Mein Vater sagte schon immer: „Lieber Sohn,
darauf kannst du schwören:
Nirgendwo geht es so verrückt zu
wie auf unser Insel Föhr!“

Übersetzung Antje Arfsten, Nordfriisk Instituut.

Der Kulturhistoriker Ernst Schlee (1910–1994) schrieb 1971: „Eine Tour über die Insel erlaubt es, auf einer Wegschleife die Dörfer alle der Reihe nach zu durchfahren. Auch ihnen ist bis heute noch vieles vom alten Gesicht verblieben: eingebettet in viel Grün, schmiegen sie sich in die flache Landschaft. Die am Geestrand gelegenen bestehen zur Hauptsache aus vielen kurzen Verbindungswegen, die leitersprossenartig zwei parallel laufende Hauptwege verbinden. Der eine verläuft auf der Geest, der andere am Rand der Marsch. Diese klare Ordnung schafft eine reizvolle Staffelung der langgestreckten Häuser mit roten Backsteinwänden, überdeckt von weichgeformten Reetdächern. Groß- und Kleindunsum beschränken sich auf je eine Häuserreihe, und die Geestdörfer stellen sich als unregelmäßige Haufendörfer dar.“


Schlee 1971.