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Nordfrieslandlexikon
Volksabstimmung

Volksabstimmung Das Recht auf Volksabstimmung in Nordschleswig wurde erstmals im Prager Friedensvertrag 1866 formuliert. Nach dem Ersten Weltkrieg konnten dann die Menschen im nördlichen Teil des alten Herzogtums Schleswig gemäß dem Friedensvertrag von Versailles darüber entscheiden, ob sie bei Deutschland verbleiben oder sich Dänemark anschließen wollten. Der Abstimmungskampf rührte viele Emotionen auf. Auf Sylt z. B. setzte sich insbesondere Nann Mungard (1849–1935) für Dänemark ein. Er wurde daraufhin stark angefeindet. Auf Föhr ging der Riss häufig mitten durch Familien. Vor allem im Westen der Insel bestanden aufgrund der jahrhundertelangen Verbindung Sympathien für Dänemark. In diesem Sinne wirkte z. B. der Landmann Joachim Hinrichsen (1846–1930). Für Deutschland traten namentlich der Kaufmann Simon Jacobs (1848–1934), der Lehrer Julius Tedsen (1880–1939), der Redakteur Ferdinand Zacchi (1884–1966) sowie der Sprachwissenschaftler Otto Bremer (1862–1936) ein. Aufgrund der deutschen Kirchen- und Schulsprache seien die Nordfriesen letztlich Deutsche geworden, lautete ein Hauptargument.

In der ersten Zone (Nordschleswig) entschied sich am 10. Februar 1920 eine große Mehrheit für Dänemark. Damit gelangte auch der Fährhafen Hoyer an das Königreich, obwohl in dem Ort selbst eine klare Mehrheit von 73 Prozent für Deutschland votierte. Die sich daraus ergebenden Probleme für die Verkehrsanbindung der Insel Sylt wurden mit dem Bau des Hindenburgdamms gelöst.

Die Abstimmung in der zweiten Zone (Mittelschleswig) ergab am 14. März 1920 eine deutliche Mehrheit von 80 Prozent für Deutschland. Nur drei Gemeinden überhaupt entschieden sich mehrheitlich für Dänemark, und sie lagen alle auf Föhr: Goting, Hedehusum und Utersum. Darin spiegelte sich jedoch kaum dänisches Nationalbewusstsein, sondern eher eine besondere Spielart von Tradition und dynastischer Gesinnung.

Nach der Abstimmung betrieben deutsche Behörden und Grenzverbände eine intensive „Deutschtumsarbeit“. Die Bestrebungen der friesischen Bewegung aber wurden durch den deutsch-dänischen Gegensatz immer wieder überlagert und erschwert.

Steensen 1984, 1986 u. 2008a.


Christian Tränckner, Geschäftsführer des nationaldeutschen Schleswig-Holsteiner-Bundes, beschrieb nach einem Besuch 1923 in einem internen Papier die Stimmung auf der Insel Föhr: „Föhr ist historisch (königliche Teile in Föhr-Westerland) und wirtschaftlich (Kopenhagenfahrer früherer Jahrzehnte) stärker mit Dänemark verbunden gewesen als Sylt, das außerdem durch den Badeverkehr über die ganze Insel sich naturgemäß schneller und durchgreifender deutsch eingestellt hat. Föhr und Amrum sind unnational, sogar international, das mehr als eigentlich vaterländisch-deutsch und heimatlich-schleswig-holsteinisch, weil die See sie seit Jahrtausenden mehr zur Ferne als zur Nähe gewöhnt hat und weil die Abgeschlossenheit den Einfluß der Strömungen, die infolge nachbarlicher Berührung auf dem Festlande sozusagen epidemisch fließen und wirken, ausgeschaltet hat. … Föhr-Osterland ist durch den Badeverkehr aufgeschlossener, Föhr-Westerland dagegen lebt noch im Zustande wie vor 100 Jahren, die Familie und die Dorfgemeinschaft trägt jeden Einzelnen, Ehrfurcht und Tradition sind noch stark wirkende Mächte, der nationale Gedanke hat hier kaum noch Wurzel gefaßt. Der Föhringer ist nur Föhringer, schon der Sylter ist ihm kaum noch stammesverwandt, der Schleswig-Holsteiner fern, der Deutsche fast fremd. Er hat wenig Volksbewußtsein, Stammesbewußtsein nur so viel, als zur vernünftigen Ordnung der Dinge gehört.“

Steensen 1984.