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Nordfrieslandlexikon
Nordstrand

Nordstrand (fries.: di Ströön) Die Siedlungen England, Norderhafen, Odenbüll, Pohnshalligkoog, Süden und Süderhafen auf der westlich vor Husum liegenden ehemaligen Insel und heutigen Halbinsel Nordstrand sowie die Hallig Nordstrandischmoor bilden die Gemeinde Nordstrand. Zusammen mit der ebenfalls auf der Halbinsel liegenden Gemeinde Elisabeth-Sophien-Koog gehört sie zum Amt Nordsee-Treene. De Strand wurde 1198 erstmals urkundlich erwähnt als Benennung des Landes am Strande, an der Meeresküste, das den vom Festland noch nicht durch Meereseinbrüche getrennten Küstenbereich im westlichen Schleswig bildete. Seit dem 15. Jahrhundert taucht dann die Form Nordstrand auf. Es fällt auf, dass es kein Pendant Südstrand gibt.

Nordstrand bildet einen Teil der Utlande, der Wattenmeer-Region von Sylt bis Eiderstedt, die in den letzten Jahrtausenden starke landschaftliche Veränderungen erlebt hat. 1362 wurde das Gebiet von einer Sturmflut heimgesucht, die den Handelsort Rungholt vernichtete und die Grundlage für die spätere Hufeisenform der Insel Alt-Nordstrand schuf. Durch Eindeichungen wuchs die Insel auf rund 220 Quadratkilometer und entwickelte sich mit 21 Kirchspielen und über 9.000 Einwohnern zu einer Kernlandschaft Nordfrieslands. 1634 überrollte erneut eine Jahrhundertflut die Region, zerstörte drei Viertel der Insel und tötete zwei von drei Bewohnern. Die Überlebenden auf Nordstrand waren zu einer Wiederbedeichung der Inselreste nicht mehr in der Lage.

Das Land lag über 20 Jahre ohne Schutz und zerriss immer mehr. Eine Neubedeichung des ursprünglichen Areals wurde immer schwieriger. Die Landesherrschaft bemühte sich lange Zeit vergeblich um erfahrene niederländische Deichbauunternehmer. Erst 1652 erwarben vier Partizipanten einen „Oktroi“, eine Deichbaugenehmigung mit schwerwiegenden Folgen für die Bewohner Nordstrands. Sie wurden völlig besitzlos und darüber hinaus fast rechtlos. Ihr Verhältnis zu den neuen Herren des Landes kam der Leibeigenschaft nahe.

Mit einem energischen Kraftakt gelang es den Niederländern unter Leitung des Deichgrafen Quirinus Indervelden, ein erstes Teilstück im Nordwesten der Insel zu bedeichen. Nach dem damaligen Herzog Friedrich III. von Gottorf (1597–1659) wurde der Koog lange Zeit Friedrichs-Koog, später Alter Koog genannt. Wer hier Land besaß, nannte sich fortan Hauptpartizipant und gehörte zu den eigentlichen „Heeren“ der wiedererstehenden Insel.
Nach weiterem Werben fand einer der Hauptpartizipanten, der Oratorianer-Priester Christian de Cort (1608/09–1669) aus Nordbrabant, kapitalkräftige Interessenten in Belgien, Frankreich und den Niederlanden für die nächste Bedeichung. Der neue Koog im geschützten östlichen Vorland des Alten Kooges wurde zunächst auf die Gemahlin Herzog Friedrichs III., Marie-Elisabeth, getauft. Bald darauf bürgerte sich die Bezeichnung Osterkoog ein.
Die neuen Herren hatten auch Religionsfreiheit für ihren katholischen Glauben erhalten und erbauten 1662 die Pfarrkirche Sankt Theresia. Ihre Oratorianer-Priester hielten an alten kirchlichen Grundsätzen fest. Nach dem Ersten Vatikanischen Konzil 1870 wurden sie deshalb exkommuniziert. Sie gründeten eine Alt-Katholische Gemeinde, die heute ganz Schleswig-Holstein betreut.

1663 lockte eine aussichtsreiche Bedeichung in der Trendermarsch in der Südwestecke der Insel weitere Partizipanten an. Einige Probleme bereiteten die angeheuerten Karrenschieber, die während der Bauzeit rebellierten und höhere Löhne forderten. Erst durch den Einsatz des Militärs gelang es, die Deicharbeiten erfolgreich zum Abschluss zu bringen.

Weitere Bedeichungsabsichten wurden zunächst durch Streitigkeiten zwischen Herzog Christian Albrecht von Gottorf (1641–1695) und dem dänischen König Christian V. (1646–1699) vereitelt. Im Verlauf der Auseinandersetzungen waren auch die Nordstrander Herren kräftig zur Kasse gebeten worden. Zwei Jahre nach dem Altonaer Vergleich von 1689 konnte der Neue Osterkoog, später nur als Neukoog bekannt, gewonnen werden.

1739 wurde im Nordosten der Insel der Christianskoog, benannt nach König Christian VI. (1699–1746), eingedeicht. 1756 holte sich eine Sturmflut das Land zurück. Die bereits hoch verschuldeten Hauptpartizipanten fanden keine Kreditgeber mehr. So musste der Koog dem Meer überlassen werden. 1768 erwarb Staatsrat Jean Henri Desmercières (1687–1778), der seine Fähigkeiten bereits in der Bredstedter Bucht unter Beweis gestellt hatte, den bankrotten Koog und begann 1770 mit der Wiedergewinnung. Der neue Koog erhielt 1771 den Namen seiner Ehefrau Elisabeth Sophie.

Die Gewinnung des Morsumkooges 1866 gehörte dank hervorragender Organisation und moderner Bauweise zu den am schnellsten durchgeführten Bedeichungen. Sie dauerte nur wenige Monate. Das Gebiet des Pohnshalligkooges dagegen konnte 1924 erst nach fünf Jahren Bauzeit den Pächtern übergeben werden.

Die evangelische Kirche Sankt Vinzenz in Odenbüll ist mittelalterlichen Ursprungs. Später wurde sie nach Westen verlängert, das Äußere 1886–89 neugotisch gestaltet. Im Inneren befinden sich ein spätgotischer Schnitzaltar, eine Taufe und ein Triumphkreuz aus dem 15. Jahrhundert, eine Kanzel von 1605 sowie Grabsteine aus dem 17. und 18. Jahrhundert. 1834 kam der spätere Missionar Ingwer Ludwig Nommensen (1834–1918) am Norderhafen zur Welt. 1866 entstand auf dem Herrendeich die katholische Kirche Sankt Knud.

1907 wurde ein erster Damm vom Pohnshalligkoog nach Wobbenbüll errichtet und 1935 zu einer 3,8 Kilometer langen Verkehrsstraße ausgebaut. Der nun sturmflutsichere Anschluss an das Festland bewirkte einen großen wirtschaftlichen Aufschwung. 1987 machte die Bedeichung des Beltringharder Kooges die Insel zur Halbinsel.

Rund 2.200 Einwohner (2015) leben auf 5.743 Hektar Fläche. Einige landwirtschaftliche Vollerwerbsbetriebe nutzen 4.158 Hektar. Mehrere Windkraftanlagen sorgen für Einkünfte aus dem Sektor erneuerbare Energien. Eine wichtige Einnahmequelle bildet der Fremdenverkehr im Nordseeheilbad. Über 2.600 Gästebetten stehen zur Verfügung, über 190.000 Übernachtungen werden jährlich gezählt. Seit 2003 ist Nordstrand auch „Nationalparkgemeinde“. Ein Wattwanderweg führt zur Hallig Südfall. Alle wichtigen Versorgungs- und Dienstleistungseinrichtungen sind auf der „Insel“ vorhanden. Fast 200 Kinder besuchen nach ihrer Zeit im Odenbüller Kindergarten die Grund-, Haupt- und Realschule am Herrendeich. Die kleine katholische Grundschule Süden ist die einzige konfessionelle Schule in Schleswig-Holstein. Der Hafen Strucklahnungshörn bildet das Tor zur Insel- und Halligwelt. Hier ist der Seenotrettungskreuzer Vormann Leiss beheimatet, nach Pellworm besteht eine regelmäßige Fährverbindung. Der Umschlagplatz für Küstenschutzmaterial befindet sich am Holmer Siel im Verlauf des Deichs des Beltringharder Kooges.

Am Ende des Straßendamms nach Nordstrand befinden sich auf der Südseite sieben Masten aus Lärchenholz, an denen Flaggen aus Granit und Gneis befestigt sind. „Die sieben Flaggen“ verkörpern die sieben Köge auf Nordstrand. In einer Kombination aus Steinen, die seit Millionen Jahren den Elementen trotzen, und Holz, das ungeschützt Sonne, Wasser und Wind nicht widerstehen kann, stehen sie als Sinnbild für Vergänglichkeit und Ewigkeit.

Karff 1968, Kuenz 1978, Quedens 1977, Reiss 2015.