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Nordfrieslandlexikon
Husum

Husum (fries.: Hüsem) 1409 wurde Huzem erstmals urkundlich erwähnt. Der Name bedeutet „zu den Häusern“. Husum liegt auf der Südwestecke der schleswigschen Geest. Von hier aus führen der Ochsenweg nach Norden und althergebrachte Verbindungen nach Flensburg und Schleswig an der Ostseeküste. Zu den Ortsteilen gehören Dreimühlen, Kielsburg, Nordhusum, Osterhusum, Porrenkoog, Rödemis und Schobüll.

Der Aufstieg des Ortes begann Ende des 14. Jahrhunderts nach dem Untergang des Handelsortes Rungholt. Die Zerstörungen der Sturmflut von 1362 öffneten ihm einen Zugang zur offenen See. 1438 wird erstmals eine Schule erwähnt, 1448 erhielt der Ort weitgehend seine kirchliche Selbstständigkeit, 1465 als Flecken auch die Marktrechte. Um 1450 wurde das sogenannte Kloster, das Hospital Sankt Jürgen für Arme, Lahme, Gebrechliche und Sieche gegründet, seit 1453 ist das Husumer Bier bekannt. Die Beteiligung an einem Aufstand 1472 gegen den dänischen König Christian I. (1426–1481) büßten die Husumer mit einer „Rebellensteuer“.

1527 reformierte Hermann Tast (1490–1551) nicht nur das Kirchenwesen in Husum, sondern auch die „Lateinschule“, später „Gelehrtenschule“ genannt, im evangelischen Sinne. Nach der Pest 1566 prägte ein schneller Aufstieg das 16. und frühe 17. Jahrhundert. Der mitten im Ort angelegte Hafen mit regem Vieh- und Getreidehandel brachte eine erste Blütezeit. 1577–82 entstand das Schloss vor Husum, 1586 z. B. ein Haus für die Schützengilde in der Süderstraße, in dem später Theodor Storms (1817–1888) Novelle „Pole Poppenspäler“ spielen sollte.

1603 erhielt Husum von Herzog Johann Adolf von Gottorf (1575–1618) die Stadtrechte. Mit rund 5.000 Einwohnern gehörte es zu den bedeutendsten Städten in Schleswig-Holstein. Ein Rathaus war bereits 1601 erbaut worden. Unter dem 30-jährigen Krieg, in dessen Verlauf die Wallensteinschen Truppen 1627 und 1628 in und um Husum einquartiert waren, litt die junge Stadt schwer. Als die Sturmflut von 1634 die Insel Alt-Nordstrand, den wichtigsten Teil ihres fruchtbaren Umlandes, vernichtete, folgte eine jahrzehntelange Krise, die erst im 18. Jahrhundert abklang. Um 1640 hieß es in der „Chronica der Stadt Husum“, die Einwohner seien dreierlei Nation, nämlich Dänen, Friesen und Sachsen, die Einwohnerzahl sank allerdings auf 3.384 im Jahr 1769.

Einen Einschnitt in das Stadtbild brachte 1807/08 der Abbruch der aus dem frühen 16. Jahrhundert stammenden spätgotischen Marienkirche. Erst 1829–33 entstand im klassizistischen Stil ein sehr viel bescheidenerer Nachfolgebau. Einer der wenigen Industriebetriebe, eine Eisengießerei, befand sich zwischen 1852 und 1954 auf der Neustadt. 1858 wurde der Hafen erstmals durch ein acht Meter breites Sperrwerk vor Sturmfluten geschützt. Es wurde später durch mehrere, immer breitere Nachfolgebauten ersetzt. Seit 1974 besteht das heutige Sperrwerk mit einer Durchfahrtsbreite von 22 Metern.

1867 wird Husum Kreisstadt des Kreises Husum in der preußischen Provinz Schleswig-Holstein. Es entstehen das Königliche Gymnasium im nun bevorzugten neugotischen Stil und 1876 eine zentrale Volksschule, heute Bürgerschule. Die Gelehrtenschule erhielt 1867 einen Neubau, seit 1914 trägt das Gymnasium den Namen Hermann-Tast-Schule. Oskar Vogt (1870–1959), Ferdinand Tönnies (1855–1936) und Peter Harry Carstensen (* 1947) gehörten zu den Schülern, Rudolf Eucken (1846–1926) war kurzzeitig Lehrer der Schule. 1966 zog sie in ein modernes Gebäude um, aus dem Alten Gymnasium in der Süderstraße wurde 1996 ein Hotel. Eine private „Töchterschule“ gründete 1866 die aus Flensburg stammende Sophie Jacobsen (1829–1917). Ab 1914 diente sie als städtisches Lyzeum, 1932 wurde sie, nun Husums zweites Gymnasium, nach Theodor Storm benannt. 1974 erhielt auch diese Schule ein neues Gebäude. 1876 wurde die „Centralvolksschule“, heute Bürgerschule, in der Asmussenstraße eröffnet. Die erste „Mittelschule“ entwickelte sich aus der 1905 in der Brinckmannstraße eröffneten „Neuen Schule“. Sie besteht heute als Gemeinschaftsschule Nord weiter. Eine weitere Gemeinschaftsschule in der Flensburger Chaussee trägt den Namen des Soziologen Ferdinand Tönnies.

Das Berufsschulwesen begann 1839 mit einer Sonntagsschule für die Aus- und Weiterbildung junger Handwerker. Unterricht erteilte auch der 1857 gegründete Handwerkerverein im Handwerkerhaus. Die Kreisberufsschule hat ihren Hauptsitz in einem 1951 errichteten Gebäude in der Herzog-Adolf-Straße. Sie unterhält auch ein berufliches Gymnasium mit den Fachrichtungen Ernährung, Technik und Wirtschaft.

Im Deutschen Kaiserreich erlebte Husum seine zweite Blütezeit. Die Einwohnerzahl stieg bis 1914 auf fast 10.000. Auch die Zahl der Straßen verdoppelte sich, 1883 wurde ein Krankenhaus eröffnet, 1890 das Kaiserliche Postamt. Der Viehmarkt erhielt 1888 ein großes Gelände im Norden, Rinder und Schafe wurden nun zu Tausenden mit der Eisenbahn in die entstehenden Industriezentren und Großstädte befördert. 1902/03 wurde mit dem Bau des Wasserturms die zentrale Wasserversorgung gewährleistet. 1905 entstehen eine neues Amtsgericht im Stil der Neorenaissance, 1907 ein Gebäude der Schleswig-Holsteinischen Bank, später genutzt als Brauhaus und Theodor-Storm-Hotel, 1908 ein Elektrizitätswerk und 1910 ein neuer Bahnhof. Das Finanzamt wird 1928/29 im Stil der Heimatschutzarchitektur errichtet, 1937 wird das Nissenhaus, heute Nordfriesland Museum. Nissenhaus Husum eingeweiht.

In der Weimarer Republik wurde Husum auch zum Ort demonstrierender Bauern, die sich mehr und mehr den Nationalsozialisten anschlossen, und 1940 zum Standort der Wehrmacht. Im fünf Kilometer entfernten Konzentrationslager Schwesing waren im Herbst 1944 etwa 2.500 Häftlinge eingesperrt, 300 kamen ums Leben. Rödemis und Osterhusum wurden 1938 eingemeindet. Flüchtlinge und Heimatvertriebene aus dem Osten ließen nach dem Zweiten Weltkrieg die Einwohnerzahl auf über 25.500 schnellen.

1947 wurde die Schiffswerft gegründet. Seit ihrem Konkurs im Jahr 2000 werden in Husum Schiffe nur noch repariert, aber nicht mehr neu gebaut. 1948 entstand die Dänische Schule, 1991 auch eine Kirche für die dänische Minderheit. Das Theodor-Schäfer-Berufsbildungswerk ging aus einem 1948 gegründeten Versehrtenwerk hervor und bietet zwölf Berufsfelder an. Die Volkshochschule befindet sich seit 2013 in der Schobüller Straße und veranstaltet jährlich fast 1.000 Kurse und Lehrgänge. 1956 siedelte sich die Bundeswehr an, an der Rödemishallig entstand ein Fischereihafen. Die 1962 eröffnete Thordsen-Kongresshalle prägte das Stadtbild bis zu ihrem Abriss 2014.

Seit der schleswig-holsteinischen Gebietsreform von 1970 ist Husum Kreisstadt des neu gebildeten Kreises Nordfriesland. Mit Einrichtungen wie dem neu gebauten Kreishaus (1972), dem Hallenbad (1974), dem Storm-Museum (1972), dem Husumhus der dänischen Minderheit (1975), dem neuen Rathaus (1989), dem Schiffahrtsmuseum (1989), der Messehalle (1997) und dem Nordsee-Congress-Centrum (NCC; 2010) entwickelte sie sich zum Verwaltungs-, Wirtschafts- und Dienstleistungszentrum für die Küstenregion und die Geest. Die Messe „Husum Wind“ galt bis 2012 als führend in der internationalen Windenergiebranche. Hamburg lief ihr den Rang ab. Seit 2015 bedient sie vor allem den deutschen Markt und benachbarte Regionen.

Derzeit zählt man 22.430 Einwohner (2015). Museen, vielfältige Kultur- und Einkaufsangebote sowie die Krokusblüte im Schlosspark bilden Anziehungspunkte für den Fremdenverkehr. Rund fünf Millionen Exemplare des Crocus napolitanus verwandeln im März/April die grünen Wiesen in einen lilafarbenen Blütenteppich. Zum kulturellen Angebot der Stadt zählen u. a. die „Pole-Poppenspäler-Tage“, seit 1986 die „Husumer Filmtage“ und seit 1987 die „Raritäten der Klaviermusik“. In der Marienkirche wird die Tradition der Kirchenmusik fortgesetzt. Ein abwechslungsreiches Programm bietet das kulturelle Zentrum „Speicher“ seit 1982. Seit demselben Jahr gelten die „Husumer Hafentage“ als größtes Stadtereignis an der Westküste Schleswig-Holsteins. Museale Einblicke bieten das Nordfriesland Museum. Nissenhaus Husum, das Ostenfelder Bauernhaus, das 1988/89 gegründete Schiffahrtsmuseum, das Storm-Zentrum oder seit 2008 das Weihnachtshaus, historische Bestände sind darüber hinaus im Hermann-Tast-Gymnasium und im Kreisarchiv zu finden.

Gilden und Vereine gibt es seit dem 16. Jahrhundert, die Schützengilde, eine der ältesten in Schleswig-Holstein wurde 1586 gegründet. Die Ringreiter pflegen seit 1826 ihren Verein, die Boßler seit 1886, der Nordfriesische Verein Husum-Rödemis und der Nordfriesische Verein Schobüll wurden 1902 bzw. 1975 ins Leben gerufen.

Sowohl das Theodor-Storm-Denkmal im Schlosspark als auch der Asmussen-Woldsen-Brunnen auf dem Marktplatz, im Volksmund Tine genannt, sind Werke des aus Husum stammenden Bildhauers Adolf Brütt (1855–1939). Das Denkmal für Ferdinand Tönnies ebenfalls im Schlosspark schuf 2005 der Bildhauer Raimund Kittl (* 1923). Auch findet man hier Erinnerungsstätten an die Gefallenen im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 und im Ersten Weltkrieg sowie ein Mahnmal für die Opfer aller Kriege. Weitere Gedenksteine stehen vor der Hermann-Tast-Schule und im Stadtteil Rödemis. Auf dem Westfriedhof erinnern zwei Denkmäler an die schleswig-holsteinische Erhebung 1848–50 und eine „Friedenseiche“ an den Krieg 1870/71. Als Naturdenkmäler anerkannt sind eine Stieleiche vor dem Hermann-Tast-Gymnasium, eine Blutbuche in der Osterhusumer Straße, eine Weißbuche sowie das Wäldchen bei Rödemishof.

Husum zieren etliche Kunstwerke, darunter eine Skulptur zum Märchen vom Fischer und seiner Frau bei der Bürgerschule sowie die von Karlheinz Goedtke (1915–1995) geschaffene Figur „Pole Poppenspäler“ auf einer Bank und die Skulptur „Spielende Möwen“ beim Bahnhof. Beim Nordfriesland Museum begrüßt der Schiffskobold „Klabautermann“ die Besucher, an der Neustadt deuten Kuh-Silhouetten auf die ehemalige Bedeutung des Viehmarktes hin. „Windhosen“ der Künstlerin Julia Bornefeld hängen im Sommer am Dockkoog.

Zu den wichtigsten Persönlichkeiten der Stadt zählen neben Theodor Storm auch die Schriftstellerkolleginnen Margarete Böhme (1867–1939), Franziska zu Reventlow (1871–1918) und Friederike Kraze (1870–1936). Auch der langjährige Bürgermeister Emanuel Gurlitt (1826–1896) betätigte sich auf Niederdeutsch als Schriftsteller. Romanautor wurde ebenfalls Albert Johannsen (1850–1909), sein Sohn gleichen Namens ist wie Richard von Hagn (1850–1933) ein bekannter Maler. Caspar Danckwerth (um 1607–1672) war ebenfalls Bürgermeister und verfasste zusammen mit dem Kartografen Johannes Mejer (1606–1674) die 1652 veröffentlichte „Newe Landesbeschreibung der zwey Hertzogthümer Schleswich und Holstein“. Georg Forchhammer (1794–1865) schrieb als Erster eine Erdgeschichte Dänemarks, sein Bruder Peter Wilhelm Forchhammer (1801–1894), ein Troja-Experte, war an der Gründung der Kunsthalle in Kiel beteiligt. Joachim Rohweder (1841–1905) schrieb ein bahnbrechendes Buch über Vögel und Vogelschutz, Oskar Vogt untersuchte als bedeutender Hirnforscher u. a. das Gehirn des Gründers der Sowjetunion Wladimir Iljitsch Lenin (1870–1924). Georg (1809–1888) und Wilhelm Hartwig Beseler (1806–1884) waren wichtige Vertreter der liberalen und nationalen Bewegung, Lothar Schücking (1873–1943) sorgte als Bürgermeister mit seiner Kritik an der „Reaktion in der inneren Verwaltung Preußens“ für überregionales Aufsehen. Hermann Tast galt lange Zeit als erster Reformator in Schleswig-Holstein, und Otto Kemmerich (1886–1952) wurde als „Wunderschwimmer“ bekannt.

Borzikowsky 1993 u. 2009, Franke/Laage 2008, Friedrichsen 2005, v. Hielmcrone 1970, 1974, 2001a/b u. 2012, Hoffmann 1991, Iben 2004, Kutzer 1985, Riewerts 1969, Steensen 2014a.