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Nordfrieslandlexikon
Walfang

Walfang (fer.: waalfangst; frasch: wålfång; halligfries.: waolfaskfangst; sölr.: Walfeskfang) Als 1596 entdeckt wurde, dass sich zwischen Grönland und Spitzbergen große Massen von Walen aufhielten, rüsteten die Niederlande, England, Dänemark, Spanien und Frankreich Fangflotten aus. Auf deutscher Seite stiegen Hamburg und Bremen in das wohl größte Jagdunternehmen der Menschheit ein. Zwischen etwa 1650 und 1800 beteiligten sich auch die Männer der nordfriesischen Inseln und Halligen am Walfang. Die Möglichkeit, auf niederländischen und hamburgischen Schiffen anzuheuern, kam für viele Familien zur rechten Zeit, denn die spärlichen Möglichkeiten in der Landwirtschaft reichten bei einer wachsenden Bevölkerung als Lebensgrundlage nicht mehr aus. Der Heringsfang war stark zurückgegangen. Bis ins frühe 19. Jahrhundert prägte die Seefahrt das Leben. Während der mehrmonatigen Abwesenheit der meisten Männer mussten die Frauen alleine zurechtkommen. Fast nur Greise und Kinder blieben mit ihnen auf der Insel.

Der Walfang führte zu einem „mäßigen, aber ziemlich allgemein verbreiteten Wohlstand“, wie Pastor Christian Friedrich Posselt (1761–1819) aus Nieblum 1795 berichtete. Die in den Föhrer Navigationsschulen ausgebildeten Männer stiegen schnell zum Bootsmann, Steuermann oder Kommandeur eines Schiffes auf. Von Föhr stammten jährlich ungefähr 1.000 bis 1.500 Walfänger. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts z. B. kam ein Drittel aller hamburgischen Walfangkommandeure von der Insel. Der Höhepunkt der nordfriesischen Beteiligung am Walfang fällt in die Zeit 1745–90.

Zeitweise wies der Walfang typische Züge eines Familienbetriebs auf. So dienten oft die Söhne von Kommandeuren zunächst als Steuermann unter ihrem Vater und übernahmen später das Schiff. Auch Bekannte und Dorfgenossen profitierten von ihren „Beziehungen“. Erfolgreichster Föhrer Kommandeur war Matthias Petersen („der Glückliche“; 1632–1706), der 373 Wale in seinem Seefahrerleben erbeutete. Der erfolgreichste Sylter war Lorens Petersen de Hahn (1668–1747), der ab seinem elften Lebensjahr aktiv wurde und insgesamt 169 Wale erbeutete.

Der Walfang war ein gefährliches Unternehmen und forderte nicht nur im Fangbetrieb, sondern auch durch Schiffsunglücke bei der An- und Abfahrt viele Opfer. Die Fangsaison begann bei günstigen Witterungsbedingungen schon im Februar mit der Anreise auf Schmackschiffen in die Häfen von Amsterdam, Hamburg, London oder Kopenhagen. War die Elbe noch vereist, dann musste die Landreise über Dagebüll, Leck und Rendsburg nach Hamburg bewältigt werden, was ungefähr eine Woche in Anspruch nahm. Von den großen Häfen brachen die Walfänger zu einer langen Fahrt ins Eismeer, nach Spitzbergen, Jan Mayen und später auch nach Grönland und in die Davis-Straße auf. In der Blütezeit des Walfangs waren im Jahr bis zu 500 Schiffe mit einer durchschnittlichen Besatzungszahl von 50 Seeleuten unterwegs. Viele Schiffe kehrten nicht zurück, wurden vom Eis eingeschlossen und nicht selten zermalmt, wie z. B. das Schiff des Kommandeurs Jens Jacob Eschels (1757–1842). Die alten Grabsteine auf den Föhrer Kirchhöfen erzählen vom Leben und Sterben der Walfänger.

Bartenwale gehören zu den größten Lebewesen unseres Planeten. Mit bis zu 200 Tonnen hat ein mittleres Tier das Gewicht einer ausgewachsenen Elefantenherde. Das Fangschiff war mit seinen 30 bis 40 Metern Länge kaum größer als die Beute, und die mit sechs Mann besetzten Schaluppen, von denen aus der Wal harpuniert wurde, nur wenige Meter groß. Der Wal musste direkt von vorn oder von hinten in seinem toten Blickwinkel angegriffen werden, damit man sich ihm auf fünf bis zehn Meter nähern konnte. Nur dann bestanden gute Aussichten, dass der Wurf mit der Harpune gelingen konnte. Saß die Harpune in der Speckschicht, begann die Verfolgung des aufgeschreckten Tieres. Die größte Gefahr bestand darin, dass ein Wal auf der Flucht die sechsköpfige Schaluppenbesatzung unter das Eis ziehen konnte, wenn die Fangleine nicht rechtzeitig gekappt wurde. Hatte man das Tier schließlich zur Erschöpfung gebracht, wurde ihm mit dem Lanzenmesser der Todesstoß in Herz oder Lunge versetzt.

Den „Walfisch“ verfolgte man vor allem wegen seiner öligen Speckschicht. Das tote Tier wurde am Fangschiff vertäut und verarbeitet. Die Speckstreifen hievte man an Bord und füllte sie in Fässer. Der Speck, aus dem in den Heimathäfen in einem geruchsintensiven Prozess pro Wal bis zu 17.000 Liter Tran gebrannt wurden, war ein sehr begehrtes und gut bezahltes Brennmaterial, z. B. für die Straßenlaternen der europäischen Großstädte. Die Barten, die auch „Fischbein“ genannten, aus Horn bestehenden Elemente des Filterapparates im Maul der Bartenwale, brauchte man u. a. zur Herstellung von Korsettstangen, als Stäbe für Sonnen- und Regenschirme, Knöpfe, Lineale, Peitschenstile, Kämme, Spangen, Angelruten oder als Sprungfedern für Kutschen. Die Leber lieferte Vitamin A und D (Lebertran). Auch die außergewöhnlich harten und witterungsbeständigen Knochen fanden Verwendung, etwa als Balken, Pfosten oder Grenzmarken.

Ein Fangschiff erbeutete im Durchschnitt vier bis fünf Wale pro Saison. In guten Jahren wie z. B. 1701 konnten es auch wesentlich mehr sein. Der durchschnittliche Geldwert eines Grönlandwals betrug zwischen 1675 und 1721 etwa 2.500 Reichstaler, was einer Kaufkraft von 50.000 Mark (1913) entsprach. Bei über 30.000 allein durch niederländische Schiffe erlegten Walen kam so in einer Seefahrergeneration eine Wertschöpfung von 1,5 Milliarden Mark zusammen. Im Heimathafen wurden die höheren Offiziere gut entlohnt. Dies spiegelte sich vor allem in der Ausstattung der von Kommandeuren bewohnten utlandfriesischen Häuser in den Inseldörfern wieder. Fliesen aus den Niederlanden zeigen nicht selten das stolze Schiff des Hausherrn.

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts verringerten sich infolge des übermäßigen Bejagens die Erträge. Die Zahl der Schiffe auf Grönlandfahrt nahm ab, und viele Seeleute wechselten in die Handelsschifffahrt. Als Ersatz für den Wal konzentrierte man sich zunehmend auf den Robbenschlag. Nach den napoleonischen Kriegen erfuhr ab den 1820er-Jahren auch die Jagd auf den Wal eine bescheidene Renaissance. Der Walfang mit Segelschiffen aus einem deutschen Hafen endete 1872 mit der Heimkehr des letzten Schiffes nach Bremerhaven. Mit Dampfern wurde er noch einige Jahrzehnte weiterbetrieben. 1905 wurde der Föhrer Kapitän Julius Tadsen (1868–1955) zum Leiter einer modernen Walfangstation der hamburgischen Germania Walfang- und Fischindustrie AG auf Island ernannt. Der Walfang im Nordmeer lohnte sich jedoch nicht mehr, die Station wurde 1907 verkauft und in das Falkland-Archipel verlegt.

J. I. Faltings 2011, Kuschert 1996, Lengsfeld 1991, Oesau 1937 u. 1955, Riewerts/Roeloffs 1996, B. Roeloffs 1999, G. Roeloffs 1997, Steffen 2004, Tholund 1971, Voigt 1982/83, 1986b, 1987 a/b.

Lorenz Lorenzen (1720–1790) schilderte 1749 in seiner „Genauen Beschreibung der wunderbaren Insel Nordmarsch“ die Stimmung auf den Inseln und Halligen, wenn die Seeleute Abschied genommen hatten: „Es ist kaum zu beschreiben, wie traurig es läßet, wenn alle Mannspersonen von unserer Insel weggefahren sind. In den ersten Tagen nach ihrer Abreise ist alles gantz stille, man siehet fast niemand auf dem Felde gehen, und es scheint, als ob die Einwohner fast gäntzlich ausgestorben wären.“

L. Lorenzen 1982.