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Nordfrieslandlexikon
Miesmuscheln

Miesmuscheln (fer.: heesen; frasch: ween schule; sölr.: Heesen; wied.: heese) erreichen eine Größe bis zu zehn Zentimetern, leben auf dem Wattboden und sind in Muschelbänken meist mehrstöckig miteinander versponnen. Als Klebstoff dienen fadenförmige Eiweißausscheidungen aus der sogenannten Byssusdrüse. In Form und Farbe unterscheiden sich Miesmuscheln deutlich von anderen Muscheln. Ihre skulpturlose Schale ist schief dreieckig, vorne zugespitzt und hinten abgerundet. Außen sind sie meist blauschwarz gefärbt, die Innenfläche schimmert perlmuttfarben. Zu den ärgsten Feinden zählen Vögel, insbesondere der Austernfischer sowie die Silbermöwe und Eiderenten, die sich fast ausschließlich von Miesmuscheln ernähren. In der Nähe der Niedrigwasserlinie werden sie außerdem leicht zur Beute für Strandkrabben und Seesterne. Zur Fortpflanzung produzieren sie dreimal pro Jahr fünf bis zwölf Millionen Eier.

Eine große Miesmuschel filtriert bis zu zehn Liter Meerwasser in der Stunde, alle Muschelbänke des nordfriesischen Wattenmeeres zusammen setzen das gesamte Wasservolumen in ein bis zwei Wochen um. Dabei kann das ansonsten trübe Meer über den Muschelbänken zeitweise ganz klar werden. Die Muscheln ernähren sich hauptsächlich von Planktonalgen und anderen Mikroorganismen. Auf der harten Oberfläche einer Miesmuschelbank siedeln sich etwa 80 verschiedene Pflanzen- und Tierarten an, die sonst im weichen Watt nirgends zu finden sind wie z. B. das krustenförmige Moostierchen oder Seeanemonen. Nach neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen stabilisieren dichte Muschelbänke den Meeresboden und tragen dadurch zum Küstenschutz bei.

Die Schmackhaftigkeit der Miesmuscheln kannten schon die Jäger und Sammler der Jungsteinzeit, wie Schalenberge aus jener Zeit bezeugen. Erste Muschelkulturen legte man im 18. Jahrhundert an. Ab den 1930er-Jahren bis Ende des Zweiten Weltkriegs dienten die Muscheln auf den Sandbänken zur Versorgung der Bevölkerung des Rheinlandes. Seit den 1980er-Jahren werden sie in industriellem Maßstab für den Export gezüchtet. Die Bestände auf den rund 1.700 Hektar großen Kulturflächen nahmen aber deutlich ab. 2015 erwirtschafteten die Muschelfischer rund 6.000 Tonnen. Heute ist in großen Teilen des Nationalparks Wattenmeer die Miesmuschel-Fischerei verboten.

Alshuth 1995, Borcherding 2013, Janke/Kremer 1990, Quedens 1997.