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Nordfrieslandlexikon
Hoyers, Anna Ovena

Hoyers, Anna Ovena (eigentlich Anke Hanß) * 1584 Koldenbüttel, † 27.11.1655 bei Stockholm, Dichterin, religiöse „Schwärmerin“. Die Tochter des reichen und gebildeten Koldenbütteler Hofbesitzers Hans Ovens heiratete 1599 den Eiderstedter Staller Hermann Hoyer (1571–1622), Sohn von Caspar Hoyer (1540–1594). Sie lebten auf Hoyerswort, seit 1603 im Tönninger Schloss. Die Ehe wurde offenbar schon früh von Anna Ovenas sektiererischen Neigungen belastet, die ihr Mann als Staller zu bekämpfen hatte. Der Amtskirche warf sie vor, sich weit von den eigentlichen christlichen Anliegen entfernt zu haben. „Sie predigen nicht vom hertzen, und gehet alsi ihr predigen nicht zu hertzen. Der Geist Gottes ist nicht dabei. Sie leben sehr übel, da könne der Geist Gottes nicht bei sein. Zwene collegen dienen an einer kirchen, predigen Gottes wordt und leben doch eitel hass, neidt und feindschafft. Sollte da der Geist Gottes sein?“
Nach dem Tod ihres Mannes nahm sie den religiösen Abweichler Nicolaus Knutzen genannt Teting zunächst auf Hoyerswort und dann in ihrem Haus in Husum auf. Sie stand damit mitten im Kampf der lutherischen Kirche gegen die Rosenkreuzer. Sie fand Beistand bei der Herzoginwitwe Augusta. Ihre große Freigebigkeit führte sie jedoch in wirtschaftliche Not, sodass sie Hoyerswort an ihre Fürsprecherin verkaufen musste. Vermutlich seit 1632 lebte sie „Arm und Elend / als vergessen“ vor allem in Västervik und auf dem Gutshof Sittvik bei Stockholm in Schweden. Anna Ovena Hoyers trat als eine der ersten Frauen überhaupt als Dichterin hervor. Sie verfasste zahlreiche Verse, die zum großen Teil Ausdruck ihrer außerkirchlichen, persönlich geprägten Frömmigkeit waren, sowie das satirische Theaterstück „De Denische Dörp-Pape“ (1630). In einem Gedicht wertete sie die Sturmflut von 1634 als göttliches Strafgericht.

Becker-Cantarino 1986, Frank 1995, Boy Hinrichs 1985 u. 1991a, Panten/Riecken 1991, SHBL 3.


Auszüge aus dem zweiten Sturmflutlied aus dem Stockholmer Manuskript:

12. Strophe
In Todtes angst vnd Nöten
schreite mein Seel zu Dir,
Herr wiltu mich nun töten?
ist nicht mehr gnad bey Dir?
Die Flut hat mich vmgeben,
Herr seeh mich gnedig ann,
ein Gott erett mein Leben,
helff, weil sonst niemand Kann.

15. Strophe
Reich und arm seind vmbkommen,
Viel 1000, in der Nacht,
Durch die Fluth hingenommen,
Und schnel zu Nicht gemacht,
Pferd, Küh, schaff, Schwein vnd rinder,
auch leüth im Krancken bett,
Ja halb geborene Kinder,
ich aber bin erett.


Hinrichs 1985.