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Nordfrieslandlexikon
Friedrichstadt

Friedrichstadt (fries.: Freedaistää) Die 403 Hektar große amtsfreie Stadt liegt am Zusammenfluss von Treene und Eider rund zwölf Kilometer südlich von Husum. Im „Venedig des Nordens“ wohnen gut 2.500 Einwohner (2015). Der Stadtname geht auf den Gottorfer Herzog Friedrich III. (1597–1659) zurück, der die Siedlung 1621 gründete. Seine wichtigsten Partner waren niederländische Remonstranten, die als Glaubensflüchtlinge nach Schleswig-Holstein kamen. Die Neugründung sollte vor allem als Hafen in Konkurrenz zu Hamburg und Glückstadt einen einträglichen Teil des europäischen Handels anziehen, Pläne die letztlich nicht aufgingen. Zu den Gründungsprivilegien Friedrichstadts gehörte die religiöse Toleranz. Neben den Gründern hatten im Laufe der Zeit unter anderem Juden, Katholiken, Lutheraner, Mennoniten und Quäker hier eigene Gemeinden, bis auf die Juden und die Quäker bestehen sie heute noch. Bei der schleswig-holsteinischen Erhebung 1850 wurde nahezu die gesamte Vorstadt durch Beschuss schleswig-holsteinischer Truppen zerstört. Die mit Kanonenkugeln gespickte Wand „Am Fürstenburgwall“ bietet das eindrucksvollste Zeugnis der Kämpfe.

Bei der preußischen Kommunalreform 1869 wurde Friedrichstadt dem neu geschaffenen Kreis Schleswig zugeordnet. Die Anbindung an die verschiedenen Verkehrssysteme sorgte nach einer langen Zeit der Stagnation für wirtschaftlichen Aufschwung. 1887 erhielt Friedrichstadt im Verlauf der Marschbahn von Altona nach Tondern einen Bahnhof, 1905 wurde die Kreisbahn Schleswig-Friedrichstadt eröffnet. 1916 stellte eine Straßenbrücke über die Eider eine direkte Verbindung zum südlichen Dithmarschen her.

Die Freistatt der Toleranz zerstörten die Nationalsozialisten. In der „Reichskristallnacht“ 1938 wurde die jüdische Synagoge zerstört, jüdische Geschäfte wurden geplündert und zertrümmert, ihre Inhaber in Flensburg inhaftiert. Die meisten Friedrichstädter Juden verloren ihr Leben in Konzentrationslagern. Zwei Friedhöfe und die ehemalige Synagoge erinnern an die jüdische Gemeinde.

Bei der Kommunalreform 1970 wurde die Stadt dem Kreis Nordfriesland angegliedert. Bis heute hat sie sich den Charakter eines „Holländerstädtchens“ bewahrt und ist ein viel besuchtes Touristenziel. Museen, Galerien und gastronomische Betriebe bieten Anziehungspunkte. Fünf Gotteshäuser verteilen sich über die Stadt, darunter die nördlichste Synagoge Deutschlands, die allerdings nur noch als Gedenk- und Kulturzentrum dient. Zu den zahlreichen denkmalgeschützten Gebäuden gehören z. B. die Kirche Sankt Christophorus, die Remonstrantisch-Reformierte Kirche von 1852/54 und die Alte Münze von 1626. Seit 1708 beherbergt sie das Beethaus der Mennoniten. Das sogenannte Grafenhaus wurde 1622 erbaut. Am Markt stammen von den neun Gebäuden an der Westseite noch sechs aus der Frühzeit der Stadt. Die niederländisch geprägten Treppengiebel-Kaufmannshäuser wurden zwischen 1625 und 1650 errichtet. Das Stadtbild bestimmen jedoch überwiegend schlichte Bauten aus der Wiederaufbauzeit nach 1850. Obwohl sich seit der Gründung die Stadtfläche verdoppelt hat, ist Friedrichstadt in Nöten. Viele Gewerbebetriebe, zuletzt 2001 die Eidermühle, wanderten ab, weil die Verbindungsstraßen nicht nahe genug liegen. Der Fremdenverkehr entwickelte sich zunehmend zur Haupteinnahmequelle. Als ein wichtiger Ort im Eider-Treene-Sorge-Gebiet (ETS) beeinflusst Friedrichstadt nach wie vor die Entwicklung der Region. Dem Spiel und der Erholung dient der Naturerlebnisraum Treene.

Berühmte Söhne der Stadt sind u. a. die Maler Benjamin Calau (1724–1785) und Jürgen Ovens (um 1623–1678), der Arzt und Professor Gustav Edlefsen (1842–1910), der Kaufmann Peter Hermann Eggers (1845–1921), der die Chemische Düngemittelfabrik Rendsburg gründete, der Literaturhistoriker Eduard Alberti (1827–1898), der Volkskundler Wilhelm Mannhardt (1831–1880), der Künstler Hans Holtorf (1899–1984), der Staller und Natur- und Völkerrechtsprofessor Samuel Rachel (1628–1691) sowie Norbert Masur (1901–1971), der als Unterhändler des Jüdischen Weltkongresses mit dem Reichsführer-SS Heinrich Himmler (1900–1945) über die Freilassung von KZ-Häftlingen verhandelte.

Clausen/Pump 1990, Erler 1977, H. Hansen 1971, Jessen-Klingenberg 1996, Mehlhorn 2016, Schleswig-Holstein Topographie 2003.