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Nordfrieslandlexikon
Biikebrennen

Biikebrennen (fer.: biikin; frasch: biikebrånen; sölr.: Biikibrenen) Am 21. Februar, am Vorabend des Petritags, werden auf den Inseln Sylt, Amrum und Föhr, auf den Halligen und in weiten Teilen des nordfriesischen Festlandes alljährlich mehr als 60 Biiken entzündet. Das friesische Wort bedeutet Zeichen, Bake oder Feuermal. Das Biikebrennen gehört zu den Frühlingsfeuern, die vielerorts in Deutschland und zu unterschiedlichen Terminen abgebrannt werden. In Nordfriesland erfuhr die Tradition im Laufe der letzten Jahrhunderte zahlreiche Wandlungen. 2014 wurde sie im Rahmen eines UNESCO-Abkommens zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes in die deutsche Liste aufgenommen.
Das ursprüngliche Biikebrennen war ein Fastnachtsfeuer, zu dem auch Tänze und Spiele gehörten. Magische Handlungen sollten die Wintergeister vertreiben und für die Fruchtbarkeit der neuen Aussaat sorgen. Bereits 1566 verdammte der Nordstrander Propst Georg Boetius alle „heidnische Abgötterei“, wozu er auch das Fastelabendfeuer zählte. 1729 gab es eine Anordnung für das Amt Tondern, die heidnische Jul- und Fastnachtsspiele unter strenge Strafen wie Halseisen, Zuchthaus oder Landesverweisung stellte. Bis 1740 war in Nordfriesland die Sitte des Fastnachtsfeuers bis auf wenige Ausnahmen dann auch verschwunden. Es ist das Verdienst des Sylter Lehrers Christian Peter Hansen (1803–1879), das in Vergessenheit geratene Biikebrennen in der Mitte des 19. Jahrhunderts neu entfacht zu haben, allerdings auf phantasievoll überhöhte Weise.

Der genaue Tag des Biikebrennens war nicht immer festgelegt. Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts geschah es in der Regel am 21. Februar, dem Tag vor Petri Stuhlfeier. Der Petritag war sowohl der wichtigste Gerichtstag als auch ein Tanztag, zumindest auf Sylt wurde er wie ein Nationalfeiertag begangen. Die Regel wurde durchbrochen, wenn das Datum in die Fastenzeit fiel. Dann wurde die Biike vorverlegt. Auch um 1900 gab es auf Sylt noch keinen einheitlichen Biiketermin. Außer in Westerland und Keitum wurden für Kinder und Erwachsene verschiedene Petritage abgehalten. Die Feuer entzündete man immer am Abend vor dem Kinderpetritag, den die einzelnen Dörfer selbst bestimmten. Bedingung war, dass er im Februar und vor der Fastenzeit lag. Erst am Ende des 19. Jahrhunderts wurde das Biikebrennen auf den 21. Februar festgelegt.

Das Freudenfeuer bestand in seiner ursprünglichen Form aus Baken, aus Strohwischen an langen Stangen, die tanzend und springend herumgetragen wurden. Ab 1807 mussten an der Küste Feuersignale bereit gehalten werden, um eine Invasion der Engländer, die während der Napoleonischen Kriege gegen Dänemark kämpften, anzuzeigen. Dabei handelte es sich um an Stangen befestigte brennende Teertonnen, in die nach und nach Strohbündel als Brennmaterial gesteckt wurden. Nach diesem Vorbild wurden nach 1840 die Biiken auf Sylt gestaltet. Als unter dem Einfluss C. P. Hansens die Biike ortsfest wurde, dienten bis in die 1930er-Jahre Strohbündel als Brennmaterial. Die mitunter an der Spitze des Haufens befestigte Strohpuppe, der Piđer, wurde um 1910 erfunden. Sie symbolisiert den Winter. In der Zeit des deutsch-dänischen Grenzkampfs wurden den Puppen vereinzelt auch Schilder mit den Namen von „Landesverrätern“ umgehängt. Im Nationalsozialismus geriet das Biikebrennen zum Propagandaspektakel. 1936 z. B. übertrug ein Redner die verhängnisvolle NS-Parole „Du bist nichts, dein Volk ist alles“ ins Sölring: „Dü enkelt Mensk best nönt, din Fulk es ales!“

Neue Impulse erhielt das Fest durch ein wieder erwachendes nordfriesisches Regionalbewusstsein in den 1970er-Jahren. Junge Friesen entzündeten ab 1972 eine Biike auf dem Stollberg. Seither werden meist auf Friesisch feurige Reden gehalten zu Themen der Sprache und Kultur, zu aktuellen Problemen oder generell zu Nachdenkenswertem. Anschließend geht man zum gemeinsamen Grünkohlessen. Während einst die Konfirmanden eine besondere Rolle spielten und vielerorts für das Zusammentragen der Biike zuständig waren, erledigen heute häufig Feuerwehrleute und Gemeindearbeiter das Einsammeln des Brennmaterials sowie das Aufschichten zu einem großen Holz- und Reisighaufen. Inzwischen droht das Fest jedoch auf die Stufe einer reinen Touristenattraktion zu sinken.

Einige sich bis heute um die Biike rankende Mythen sind reine Phantasieprodukte C. P. Hansens und anderer. Dazu gehören die Vorstellungen, das Biikebrennen spiegele eine Verehrung des Gottes Wodan wider oder sei das Abschiedsfeuer für die auf Walfang auslaufenden Seeleute gewesen. Auch die Nann Mungard (1849–1935) unterstellte Absicht, ein „nationales“ Feuer gegen das Eindringen der „neuen Zeit“ zu initiieren, entspricht nicht der Wahrheit.

Vom nordfriesischen Regionalbewusstsein zeugt u. a. der Biikensung von V. Tams Jörgensen (Text) und Knut Kiesewetter (Musik), der 1974 bei der Biike auf dem Stollberg erstmals gesungen wurde. Darin werden die Friesen aufgefordert, sich zu ihrer Identität zu bekennen und die Geister (troole) der Unterlegenheit gegenüber der Mehrheitskultur und der Uneinigkeit zu vertreiben:

Kam jurt, we wan en iilj heer mååge.
Lätj üs da troole ferdriwe!
Da troole foon iirtids we wan ferjååge.
We an da troole ferdriwe!
Üt önj e nåcht da troole we siinje. ...
En biiken sü häl as e däi wan we tiinje. ...
Kaame ja änkeltwis unti bai bunke,
We wan da troole ferdriwe!
Wi driwe jam wäch än üt önj e junke.
Frasch wan we weese än bliwe!


C. P. Hansen 1845, Jessel/Panten 2004, Panten 1994a u. 2002b, Rinken 1992.